Noch gerade so vor dem Regen.
12. Juni 2008Kühl und schwül, kühl und schwül, kühl und schwül… …heute ist es wieder mal kühl. Der Regen prasselt auf das Wellplastikdach über der Gartenveranda. Es ist elf Uhr vormittags. Gerade war ich beim Mülheimer Bürgeramt, um eine Lohnsteuerkarte zu beantragen. Nachdem ich eine halbe Stunde angestanden hatte, erfuhr ich, dass ich mich an das Bürgeramt Essen zu wenden habe, da ich erst nach dem September letzten Jahres in Mülheim zugezogen bin. Soweit nichts Besonderes. Erwähnenswert nur, dass es mich nicht geärgert hat. Nein, ich mit meiner Veranlagung zu Ungeduld und Jähzorn konnte herzlich und aufrichtig darüber lachen. Bin ich halt mit dem Fahrrad wieder nach Hause gefahren, noch gerade so vor dem Regen. Am Telefon ließ sich die Sache mit der Lohnsteuerkarte dann binnen zwei Minuten klären, was schön war. Weniger schön allerdings die gefühlte halbe Stunde Warteschleife davor, mit irgendwelchen Erklärungen vom Band zu biometrischen Passbildern und anderem Zeugs. Da hatte ich dann, nobody is perfect, doch ein gewisses Ziehen in der Magengrube vor Ärger und Ungeduld. Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal das sonst bei solchen Warteschleifen übliche Musikgedudel vermissen würde. Aber gezwungen zu werden, irgendwelche Informationen aufzunehmen, die man garnicht will und braucht: Blöd! Dabei hat sich die Dame beim Besprechen des Bandes sichtlich, äh, hörbar Mühe gegeben. Das hat mir dann auch beim Ertragen der Wartezeit geholfen: Mir vorzustellen, wie diese sicherlich ganz nette Frau da vor dem Mikrophon sitzt, mit dem Auftrag, den Text möglichst freundlich und klar verständlich aufzusprechen. Hat sie zu Hause lange dafür geübt? Hatte sie vorher Lampenfieber? Hatte sie Lust auf den Job, oder hat sie ihn eher widerwillig erledigt? Hat sie zu Hause Mann und Kinder? Oder ist sie alleinerziehend? Oder Single? Was hat sie für Hobbies? Fühlt sie sich wohl in ihrem Leben? Mag sie ihre Arbeit? Oder würde sie eigentlich lieber etwas ganz anderes sein oder tun? Hat sie verborgene Talente? … … Ich jedenfalls mag im Moment mein Leben ganz gern, und das ist gut so und einigermaßen wohltuend, nach den langen zwei Jahren, in denen es nicht so war. Und die Lohnsteuerkarte kriege ich jetzt auch zugeschickt, so dass ich sie Anfang der Woche habe.
Es ist immer noch kühl. Aber der Regen hat aufgehört.






Die Schizophrenie meiner letzten Geliebten habe ich zu allererst über die Zweigeteiltheit ihrer Stimme wahrgenommen. Das honigsüsse Melodieren der ersten Stimme wechselte sich, dies manchmal ziemlich abrupt und unvorhersehbar, ab mit dem harten Keifen der zweiten, erstere zog in Bann, letztere trieb in die Flucht. Mich aus diesem Konflikt mit halbwegs heiler Haut herauskommen zu lassen, rechne ich meinem Schicksal hoch an. Von dieser Dame stammt im Übrigen der schöne Satz: “Du kannst entweder parieren oder gehen.” Das Gehen hat sie dann zum Glück selber besorgt, nur viel zu spät, allerdings auf bemerkenswert hässliche Weise. Ich dachte immer, in einer Zweierbeziehung müsse man genauso verhandeln, sich genauso um Kompromisse bemühen wie in übrigen Zusammenleben auch.
Der Andere bleibt doch immerhin, bei aller Liebe, ein Kosmos für sich und so kann es doch nur darum gehen, die ‘Raumflotten’ mobiler und kommunikationsfreudiger zu machen. Umso verblüffter war ich dann, als eine damalige gute Bekannte, ihres Zeichens überaus intelligente, feinsinnige Frau, darüber hinaus ausgebildete Psychologin, der ich von diesem gnadenlos weltfremden Satz berichtete, ganz gegen meine Erwartung spontan Verständnis äusserte. Wie das gehen soll, wenn der Eine totale Unterwerfung vom Anderen fordert und dies nicht nur im Bett, wo es ja immerhin, als mir allerdings ebenfalls fremde Variante der Erotik, erfolgreich praktiziert wird, werde ich wohl nie kapieren. Zum Glück!

