Noch gerade so vor dem Regen.

12. Juni 2008

Kühl und schwül, kühl und schwül, kühl und schwül… …heute ist es wieder mal kühl. Der Regen prasselt auf das Wellplastikdach über der Gartenveranda. Es ist elf Uhr vormittags. Gerade war ich beim Mülheimer Bürgeramt, um eine Lohnsteuerkarte zu beantragen. Nachdem ich eine halbe Stunde angestanden hatte, erfuhr ich, dass ich mich an das Bürgeramt Essen zu wenden habe, da ich erst nach dem September letzten Jahres in Mülheim zugezogen bin. Soweit nichts Besonderes. Erwähnenswert nur, dass es mich nicht geärgert hat. Nein, ich mit meiner Veranlagung zu Ungeduld und Jähzorn konnte herzlich und aufrichtig darüber lachen. Bin ich halt mit dem Fahrrad wieder nach Hause gefahren, noch gerade so vor dem Regen. Am Telefon ließ sich die Sache mit der Lohnsteuerkarte dann binnen zwei Minuten klären, was schön war. Weniger schön allerdings die gefühlte halbe Stunde Warteschleife davor, mit irgendwelchen Erklärungen vom Band zu biometrischen Passbildern und anderem Zeugs. Da hatte ich dann, nobody is perfect, doch ein gewisses Ziehen in der Magengrube vor Ärger und Ungeduld. Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal das sonst bei solchen Warteschleifen übliche Musikgedudel vermissen würde. Aber gezwungen zu werden, irgendwelche Informationen aufzunehmen, die man garnicht will und braucht: Blöd! Dabei hat sich die Dame beim Besprechen des Bandes sichtlich, äh, hörbar Mühe gegeben. Das hat mir dann auch beim Ertragen der Wartezeit geholfen: Mir vorzustellen, wie diese sicherlich ganz nette Frau da vor dem Mikrophon sitzt, mit dem Auftrag, den Text möglichst freundlich und klar verständlich aufzusprechen. Hat sie zu Hause lange dafür geübt? Hatte sie vorher Lampenfieber? Hatte sie Lust auf den Job, oder hat sie ihn eher widerwillig erledigt? Hat sie zu Hause Mann und Kinder? Oder ist sie alleinerziehend? Oder Single? Was hat sie für Hobbies? Fühlt sie sich wohl in ihrem Leben? Mag sie ihre Arbeit? Oder würde sie eigentlich lieber etwas ganz anderes sein oder tun? Hat sie verborgene Talente? … … Ich jedenfalls mag im Moment mein Leben ganz gern, und das ist gut so und einigermaßen wohltuend, nach den langen zwei Jahren, in denen es nicht so war. Und die Lohnsteuerkarte kriege ich jetzt auch zugeschickt, so dass ich sie Anfang der Woche habe.

Es ist immer noch kühl. Aber der Regen hat aufgehört.

Plaudern im öffentlichen Raum.

11. Juni 2008

Wenn man in Essen oder im westfälischen Teil des Ruhrgebiets eine Person des öffentlichen Lebens einfach so anspricht, mit einer den Alltag auflockernden Verbalgeste, einer kleinen harmlosen Konversation, einer heiteren, freundlichen Randbemerkung, einfach nur dazu da, ein bisschen Freundlichkeit in den Tag zu bringen, wird man von der solchermaßen angesprochenen Person oft mit Schweigen bedacht oder bestenfalls ergattert man eine zwischen den Zähnen hervorgeknurrte spartanische Antwort. In jedem Falle gilt man als irgendwie verdächtig. Entweder man ist ein nichtsnutzer Tagedieb und Tunichtgut, der man da so scheinbar sorglos und vermeintlich leichtfertig durch den Alltag mäandert und fremde Leute anspricht. Oder man ist aufdringlich und führt sicherlich nichts Gutes im Schilde. In jedem Falle muss man als anständiger Bürger Abstand wahren zu so einem liderlichen, sicherlich arbeitsscheuen Plappermaul.

Nicht so im Rheinland. Der Busfahrer, mit dem ich vorgestern, es sei schöner, mit einem in seiner Pause rauchenden Busfahrer zu fahren, weil man dann nicht immer darauf achten müsse, wann die Fahrt losgeht und man hektisch die eigene Kippe austreten und zur Tür hasten muss, gemütlich zu Ende rauchend und angenehm plaudernd, wenngleich trotzdem pünktlich das Fahrzeug besteigend, die Abfahrtszeit seines Busses abgewartet habe, erzählte seinerseits freimütig und voller Genugtuung, dass er nun nur noch sieben Tage zu arbeiten habe. Er sei froh, dass es dann vorbei sei. Jetzt könne er in Ruhe die EM zu Ende gucken. Den Sommer verbringe man im Garten, um dann im November, wie jedes Jahr, wieder ins Warme zu fliegen. Man brauche viel Geduld und [er zögert, sucht nach dem passenden Wort, entscheidet sich für] Psychologie für den Job. Dazu der permanente Termindruck, die volleren Straßen, die Fahrgäste. Alles viel schwieriger und hektischer als zu der Zeit, als er angefangen habe…

Wir bestiegen den Bus, fuhren los. Ich hätte mich auch noch, wie es auf dieser Strecke, vom Düsseldorfer Flughafen nach Ratingen Stadtmitte, oft geschieht, während der Fahrt nach vorne stellen können, um weiter zu plaudern. Aber irgendwie schien mir für den Moment alles gesagt und so setzte ich mich hinten hin. Aber schön. Ein nettes kleines Gespräch war das, bei dem bei aller kurzfristigen Spontanvertraulichkeit keiner irgendwie Angst haben mußte, seine Grenzen würden nicht respektiert oder der Rahmen gesprengt. Bevor ich ausstieg, bin ich dann nochmal kurz nach vorne gegangen und habe dem sympathischen Mann einen schönen Ruhestand gewünscht.

Tante Ju und DITIB.

1. Juni 2008

Es waren keine Mückenschwärme da, auf dem Mülheimer Flugtag ‘08. Aber an die dreißig Schwalben vollführten über unseren Köpfen auf engstem Raum die irrwitzigsten Flugmanöver, während oben am Himmel die Doppeldecker ihre rauchbeschweiften Pirouetten zeigten und vor uns auf dem Flugfeld des Mülheimer Flughafens der Mitchell - Bomber, die “Tante Ju”, der “rote Baron” und andere mehr oder weniger antiquarische Fluggeräte starteten und landeten, inmitten von Hotdogbuden und Bierständen und akkustisch begleitet von den oft unfreiwillig komischen Mikrofon - Kommentaren eines ortsansässigen Veterans.
Wenn also keine Mücken in der Luft, und die Balzzeit ist ja auch lange schon gelaufen, warum treffen sich dann so viele Schwalben, um wild durcheinander zu fliegen, mit Loopings, Kapriolen, jähen Steig- und Sturzflügen. Dies viel niedriger und auf viel kleinerem Raum, als man es sonst beobachten kann. Für mich steht jedenfalls fest, dass diese Gang sich nur getroffen hat, um uns Großen, uns Plumpen mit unseren bei allem Aufwand und aller Virtuosität stets vergleichsweise unbeholfenen Versuchen und Imitationen in Erinnerung zu halten, wer hier eigentlich, was das Fliegen angeht, Chef im Ring ist. Leider war ich wohl der Einzige, der überhaupt Notiz von ihnen genommen hat.

Nachmittags, auf der Terrasse von “Plati”, setzte sich Herr Ali Topcuk zu mir an den Tisch, seines Zeichens Kommunikationsbeauftragter der zur neuen Moschee in Duisburg - Marxloh gehörigen muslimischen Begegnungsstätte DITIB, und bestellte ein Spaghettieis. Einer der Teilnehmer an dem im vorigen Beitrag erwähnten kontroversen Gespräch über Integrationsfragen hatte eine Führung dort mitgemacht und davon berichtet. So kannte ich also schon ein paar Details, die in die nun folgende Unterhaltung mit einflossen: Das als Friedens- und Freundschaftszeichen geplante Rosenbeet zwischen der Moschee und der benachbarten katholischen Kirche, die drei dort nebeneinander angebrachten Symbole für die drei monotheistischen Religionen, etc. Ein vornehmer, ein gebildeter, ein freundlicher und einigermaßen interessanter Mann, dieser Herr Topcuk, der es mühelos und mit großer Eleganz fertig brachte, in der knappen Viertelstunde, die wir da zusammen saßen, er mit seinem Spaghettieis, ich mit meiner Bananenmilch und dem Milchkaffee, im entspannten Plauderton eine Informations- und Kommunikationsdichte zu erzielen, die umso bemerkenswerter war, da ich eigentlich eher zurückhaltend und der bloßen Konvention gehorchend zugestimmt hatte, dass er sich zu mir an den Tisch setzte. Eigentlich war mir überhaupt nicht nach Konversation zumut. Das fiel mir aber erst wieder ein, nachdem wir schon lange wieder jeder seiner Wege gezogen waren, er zu einem Termin in seiner Begegnungsstätte, ich nach Hause zur heutigen Übertragung von den French Open auf Eurosport. Kommunikationsbeauftragter. Sicherlich der richtige Job für diesen Mann! Dem ich einen langen Atem wünsche. Den er sicherlich brauchen wird beim geduldigen Bohren dummdeutscher Bretter.

So vieles.

27. Mai 2008

In den letzten Tagen wieder viele wunderschöne Kopftücher gesehen. Es gibt keine schöneren Tücher als die Kopftücher türkischer Frauen. Teils sehr moderne, selbstbewusste Frauen darunter. Oder auch ganz normale… Frauen, die miteinander oder mit jemandem am Handy schwatzen. Oder Sorgen haben. Oder ganz einfach ihrem Tagwerk nachgehen.

Der großäugig verblüffte Blick des jungen Türken, den ich neulich fragte, was das für ein Titel war, den er gerade in voller Lautstärke von seinem Handy hatte darbringen lassen, sie gefiele mir gut, diese türkische Musik.

Dann neulich die Diskussion mit den deutschen Bekannten. Durchaus nette und intelligente Leute. Und doch wieder die alten Irrtümer, die alten Ängste und Vorurteile.

So vieles verstehe ich nicht.
So vieles ist mir peinlich.

Widersprüche. Intoleranz. Neid.

Am Schlimmsten, dass das rein menschlich Selbstverständliche überhaupt der Erwähnung, der Argumentation bedarf. Aber das gibt es halt wohl leider eben nicht: Das menschlich Selbstverständliche.

Na, wie wärs denn mal damit:

Kopftücher der Modetrend ‘09 für deutsche Frauen.
Jeder Deutsche muss ausreichende Türkischkenntnisse nachweisen.
In allen deutschen Städten bunte, stattliche Moscheen.
An den Volkshochschulen Kurse in türkischer Gastfreundschaft.

Gerade, in Bochum.

16. Mai 2008

Heute vormittag habe ich unfreiwillig zur Erheiterung zweier Polizeibeamter in Bochum beigetragen. Es war nämlich eine Pro - Tibet - Demonstration angesagt, die um 11:00 am Konrad - Adenauer - Platz starten sollte. Wer war da? Ich. Und die zwei Polizisten in ihrem Bulli. Sonst keine Menschenseele. Noch nicht mal einer der Initiatoren. Da rafft man sich schon mal auf und dann dies. Als ich um viertel nach elf den Schauplatz des Nicht - Geschehens verließ, habe ich den beiden Ordnungshütern noch “weiterhin solch eine aufregende Schicht” gewünscht…

Carpe noctem.

16. Mai 2008

Carpe Noctem und Piz Mandala heißen zwei Frachtschiffe, die an mir vorbeifahren, als ich am Rhein sitze, bei Rhein - Orange, auf meinem Dreibeinfalthocker genau im Zentrum des großen kreisrunden alten Kanaldeckels mit den niegelnagelneuen, silbern in der Sonne glitzernden und funkelnden überdimensionalen Muttern. Ich habe ein Buch mitgenommen, aber die Szenerie aus Fließendem, Vorbeigleitendem, industrieller und anderer Architektur, heißer Sommersonne (es ist Mitte Mai) und hohem blauen Himmel lassen mich nur ein paar Seiten schaffen. Wo endet die Ruhr und welche Wassermoleküle gehören schon zum Rhein? Neulich kam mir der Gedanke, dass ja jedes Wasser- und Luftteilchen schon überall gewesen ist. Ich atme ein und habe Luft aus Afrika in den Lungen, aus China, vom Südpol. Ich trinke Wasser und weiß nicht, sprudelte es schon mal kalt und klar aus einer Quelle im Hochland von Tibet, trieb es schonmal träge und mit brauner Erde und anderem durchsetzt im Delta des Irawaddi…

54. Kurzfilmtage Oberhausen

4. Mai 2008

Mit der S3 acht, der Straßenbahn 112 zwanzig Minuten, letzteres durch Hartz IV - Wüsten, an Nagelstudios, Dönerbuden und Videotheken vorbei, dann fünf Minuten Fußweg und ich bin am Lichtburg - Kino in Oberhausen. Dort besuche ich die 54. Kurzfilmtage. Wieder, wie jedes Mal, angestrengt und fasziniert zugleich von diesem krassen Nebeneinander von unschöner Malocher- und Arbeitslosenstadt und dem jetzt wieder für ein paar Tage eingetänzelten Schwarm der Film- und Medienschaffenden und -studenten und der sich selber und einander mehr oder weniger wichtig findenden, in den meisten Fällen wohl eher reziprok dazu ernstzunehmenden Kulturschickeria.

In meinem inneren Kino vermischen sich Filmbilder mit real beobachteten Szenen auf den Hin- und Rückwegen, der afrikanische ca. zehnjährige Junge z.B., der lachend zu dem ein paar Jahre älteren türkischen Mädchen auf dem Balkon im dritten Stock hinaufruft: “Du bist ja garnicht in mich verliebt!”, was diese, ebenfalls lachend, vehement bestreitet, eine kleine sonnenleichte Szene sprühender, noch unschuldiger Kinderhoffnung, gerät durcheinander mit der abgehärmten “Madame Tutli Putli” aus dem kanadischen Trickfilm, die einer zu bedrückenden Umgebung dadurch entflieht, dass sie sich am Ende in einen Schmetterling verwandelt (das klingt, wenn man es so aufschreibt, banaler, als es der ziemlich gute Film verdient hat). Oder die beiden taubstummen jungen Frauen in der S -Bahn, die, die eine hager und ausgezehrt, bis ins Hässliche hinein herb, wenn sie nicht gerade einmal lächelt und dann plötzlich wunderschön ist, die andere tief ausgeschnitten und mit ihren üppig blonden Reizen wuchernd, jede auf ihre Art den ihnen gegenüber sitzenden Jüngling von sich zu überzeugen versuchen, die Hagere mit endlosen, in wilder Gebärdensprache vorgetragenen Monologen, die Dralle mit Mätzchen und lustigen Einwürfen; wenn der junge Mann einmal das stumme Wort ergreift, übertreffen sich beide in andächtigem, großäugigen, ähm, Zuhören, wenn bei Taubstummen dieses Wort erlaubt ist. Dieser beredte Kampf um Liebe vermischt sich vor meinem inneren Auge mit dem so anderen, fatalen des missmutigen Ladendetektivs aus “Auf der Strecke” von Reto Caffi, einem Film übrigens, der in seiner raffinierten Konstruktion das eigene moralische Empfinden aufs kunstvollste irritiert zurückläßt und mir bis jetzt am nachhaltigsten haften geblieben ist. Diese beiden Filme liefen am ersten, am Donnerstagabend, zusammen mit zwei anderen bereits auf anderen Festivals prämierten Filmen, die ebenfalls beeindrucken konnten. Im Wettbewerb selbst (ich schaffe zeitlich nur das internationale Programm) Filme von unterschiedlicher Qualität. Mich wundert, mit wie wenig politischen Aussagen man auszukommen meint. Und das in unserer so brisanten Zeit. Selbst die besten Arbeiten handeln fast ausschließlich von individuellen Themen, von Liebe und Einsamkeit, von Tod und Verlust, von Schuld und Sinnsuche etc. Ein paar sehr lustige Filme sind auch darunter. Und welche, die, oft erfolglos und langweilig, manchmal äußerst spannend, einfach nur drauf los ästhetisieren. Insgesamt eine Labsal, ein großes modernes Multiplex einmal nicht mit Hollywood - Ware, sondern mit solch unterschiedlichen Phantasieerzeugnissen bevölkert zu sehen.

Was für ein Gefühl das wohl ist, wenn ein eigener Film in solchem Rahmen, auf einer solchen Leinwand gezeigt wird. Manches fiele mir da ein, was ich mal einreichen könnte. Aber wie froh bin ich auch, nicht dazuzugehören. Nicht diesem Dauerstress unterworfen zu sein, ständig grüßen, reden, lächeln, wichtig sein zu müssen. Würden meine Filme auf solchen Festivals laufen, wäre es mit mir wohl das selbe wie überall sonst, respektive in der guten alten Jazzszene. Auch hier, in diesem andersartigen, aber ähnlich esoterischen Hive, wäre ich verloren angesichts der Enge der Codes, der Unbarmherzigkeit und kafkaesken Trübe der ungeschriebenen Gesetze. Schaffen tue ich gerne. Aber unter “wichtigen”, unter ehrgeizigen Menschen bin ich hilflos. Und, das Schlimmste: Ich finde das sogar noch gut.

[Nachmittags, irgendwo sitzend, im Radio die Nachricht von Zyklon "Nargis", der in Birma dreihundertfünfzig Tote gefordert und die in dem heruntergewirtschafteten Land hauptsächlich wichtige Agrarregion heillos verwüstet hat. Immerhin einen Satz wert.]

An der Ruhr [hinter Steele].

30. April 2008

Es muss Menschen geben, die sich vollen Herzens und mit größter Aufmerksamkeit Dingen widmen, die gemeinhin unter intelligenten Menschen als nichtig und uninteressant gelten. Z.B. der Natur. So bin ich in stolzer Erfüllung meiner Pflichten heute mal wieder an der Ruhr unterwegs gewesen, allerdings nicht in Mülheim, sondern auf dem Teilstück zwischen Essen Steele und Bochum Dahlhausen.
Die Sonne sommerlich warm auf dem schwarzen Hemd, der Wind frisch und launig, fast wie am Meer, die Bank, auf der ich sitze, jedoch weitestgehend verschont. Rentner auf Fahrrädern. “Ach, was solls. Ich bin versorgt”, höre ich einen von zwei älteren Herren zum anderen sagen, der sich vorher wohl über die Rentenproblematik ereifert hatte. Wie es sich wohl anfühlen mag, wenn man so etwas von sich sagen kann? Enten zischen vorbei. Das Wasser fließt schnell und quicklebendig. Der blaue, freizügige Himmel hält sich wie eine schöne Frau in Form von am Rande herumlungernden Wolkenpaketen alle Optionen offen.

Ein kleiner schwarzer Käfer überquert wohlbehalten den Weg.

Ein Kuckuck. Noch vorgestern hieß es im Radio, wie selten dieser raffinierte, moralisch anrüchige Kleinterzer geworden ist. Ich nehme es, wie übrigens auch die heute besonders strahlende Gesangsvielfalt der kleineren, anstandsbewussteren Busch- und Baumvölker, als Belohnung für meinen nur scheinbaren Müßiggang, der ja eigentlich Arbeit ist, Dienst am Geist der lebendigen Welt. Oder sowas. Wenn man so will.

Das dreiviertel ausgewachsene Laub ist schon in der Spätpubertät. Bald wird es erwachsen sein. Jetzt aber herrscht noch diese eigentümliche, verschlafen - alerte Stimmung des Vorfrühlings, wo sich alles noch kälterer Zeiten erinnert und schwankt zwischen Verharren und Aufbruch.

Ich stelle den Wecker auf sieben und bin um 6:45 wach. Habe schon um 8:30 eine Klavierstunde gegeben. Schön, jetzt den Tag so ganz vor sich ausgebreitet zu sehen und nicht erst in der dritten oder zehnten Station zuzusteigen.

Schreibpause. Gedanken. Ich blicke hoch. Aufs Wasser. Das gegenüber liegende locker baumbestandene Wiesenufer mit der vom Grün halb verdeckten Fabrik, die Überlandleitung. Ferne Motorgeräusche, meist übertönt vom Frühlingswind. Ein unermüdlicher Zilpzalp hinter mir im Gebüsch.

Die Natur ist Palast, ist Kathedrale und wer sich richtig darin aufzuhalten versteht, ist König, Bischof, Kardinal. Wie im Übrigen die wahren Reichtümer stets unmittelbar vor der eigenen Nase liegen und eben nicht, wie man immer meint, irgendwo mehr oder weniger weit entfernt. Um dies, wenn überhaupt, zu begreifen, muss man aber die Kehrseite der Medaille kennen, das Schwere, das Sehnen, das Schmerzhafte und Hässliche. Das Verzetteln. Man muss gelernt haben, dass nicht nur die meisten Wünsche unerfüllt bleiben, es vielmehr ihre Erfüllung ist, die die größte Gefahr bietet, enttäuscht zu werden. Ein erfüllter Wunsch zieht stets zwei neue nach sich, mine Fru die Isebill und es gilt, diesem Hamsterrad, dieser Suchtproblematik zu entwischen. Erst, wenn man den Ausweg aus dem Martyrium der am Ende stets erfolglosen Glückssuche gefunden hat, kann man sich halbwegs frei nennen und sich im Folgenden auf das Wesentliche zu konzentrieren versuchen. Was dieses Wesentliche ist? Nun, das ist wohl die Frage aller Fragen, das Spannendste, dem sich zu widmen einem vergönnt sein kann. Und wenn es auch nie eine klare, eindeutige Antwort geben wird, ist diese Chautauqua, diese Pilgerfahrt nach St. Essentia dennoch der Königsweg, das letzte, höchste Glück.

“Oh, when the saints…” pfeift der in der Ferne vorbeifahrende Klüngelskerl.

Am Himmel [oben links] zieht in unschöner, aber ignorabler Regelmäßigkeit, im Minutenrhythmus, die Luftkarawane vorbei, Lastkamel folgt auf Lastkamel, unermüdlich, Kerosin furzend, beladen mit ihrer Fracht von Geschäftsleuten und mallorca- oder grancanariahungrigen oder -gesättigten Glückssuchern, auf der Einflugschneise zum Düsseldorfer Flughafen.

Hund bellt.
Gänse trompeten vorbei.
Wind frischt auf.
Himmel jetzt einigermaßen bezogen.
Meise schlägt, immer dreizehn Mal.
Kuckuck schweigt.
Ist wohl woanders hingeflogen.

___

Ja, nach einer halben Stunde Wanderung höre ich ihn wieder. Jetzt, an der angenehm dunkel polternden Dahlhausener Schwimmbrücke, warte ich rauchend auf den Bus, putze mein Gefieder wie das Stockentenpaar vor mir, das aber jetzt auch schon wieder weiterzieht. Da: Die ersten Schwalben. Und sie fliegen gar nicht mal so tief. Ein schöner Tag. Ein Reiher stoisch in der löwenzahngesprenkelten büscheligen Wiese. Dahinter zwei Krähen schreiten gelassen und ihrer selbst gewiss vorbei.

Der Wind ist zum Sturm geworden. Doch erst, als ich den Bus bestiegen habe, fallen prall die ersten Tropfen.

Jetzt lebe ich am Fluss.

18. April 2008

Nach fast dreissig Jahren am Wald bin ich umgezogen. Jetzt lebe ich am Fluss. Nur ein paar Busstationen von der neuen Stadtwohnung entfernt liegt er friedlich und verlockend in seinem geschwungenen Bett, mit den schönen, erst urbanen, dann immer urwüchsiger werdenden Ufern, dem Wehr und den Brücken und der krautbewachsenen Mauer unterhalb der kleinen, stadtauswärts führenden Uferstrasse, die ich so liebe. Fast fühlt man sich in die Schweiz, nach Italien versetzt.

Davor, zwischen meiner Wohnung und dem Fluss, der Bahnhof und mit ihm das ganze Rhein – Ruhrgebiet, die Mülheimer Einkaufs- und Altstadtzone, die Infrastruktur, der Lärm und Dreck, die frust- bzw. sorgengegerbten Gesichter der von Armut Betroffenen bzw. Bedrohten, aber auch die Kultur und die Annehmlichkeiten des Ballungsraumes. Und dahinter also die Ruhr, an der ich in erster Vorahnung des nun wohl wirklich bald eintreffenden Frühlings gerade eine schöne Abendstunde lang gelaufen und gesessen bin.

Die Haubentaucher, die Blässhühner, die Enten und Gänse scheinen hier nett und umgänglich zu sein.
Und auch die Wellen haben sich einmal mehr gastfreundlich und zuvorkommend gekräuselt und gedreht und freimütig und unbefangen ihr so unbeschreiblich vielfältiges Impulsballett vor meinen dankbaren Blicken dargeboten.
Ein Achter mit der Aufschrift „Siemens“ paddelt beflissen und pflichtschuldigst teamgeistig in den Sonnenuntergang. Eine Alkoholikerin ungefähr meines Alters geht vorbei, die ich leider nur ganz beiläufig anlächeln darf, um sie nicht für den Rest des Abends auf meine Fährte zu setzen.
Aber zum Glück kriegen Frauen auch dann noch viel mit, wenn sie zugedröhnt sind und so zieht sie, unverständliches kauderwelschend, ihrer Wege und lässt mich in Ruhe meine Zigarre weiterrauchen.
Dann steigt der Mond auf. Er ist fast voll.
Über mir rauscht im Frühlingswind das junge Kastanienlaub.

Für die Stadt habe ich Ohrenstöpsel.
Ich tauche in Büchern, höre Radio.
Ich lerne, wie die meisten beim Gehen den Blick auf den Füssen zu lassen.

Eine Nebenstrasse von meiner Wohnung entfernt dieser Durchgang zur breiten Bahntrasse.
Dort, unter hohen Himmeln, inmitten von Gestrüpp und Unrat auf dem Sperrmüll - Gartenstuhl sitzend, gegenüber die abschüssige, ebenfalls eher mediterran oder schweizerisch anmutende Häuserzeile, ist der Kurzwellenempfang besonders gut.

Gestern im Garten, ja einen schönen Garten gibt es auch, krächzt mir plötzlich ein Reiher von oben in den Bunin, in den Morgenkaffee. Mitten in der Stadt.

Ja, mit dem Fluss als Freund, dem Wellenballett, den Enten, Gänsen, Haubentauchern und Blässhühnern, mit der Bahntrasse, den Büchern und dem Radio, mit den Theatern, Opernhäusern, Museen und Büchereien von Düsseldorf bis Dortmund, mit den Menschen, die offener sind hier in Mülheim, nicht so hart und verbissen wie in Essen, mit den Amseln und Meisen und Rotkehlchen im Garten und der scheuen Katze, die langsam, ganz langsam etwas zutraulicher wird, mit dem fast malerischen Hinterhof, den Zigeunern im Vorderhaus und dem hier wohnenden bunten Völkergemisch, in der gut geschnittenen, eichenbödigen Wohnung wird es sich gut leben lassen.

Eta Carinae (oder ähnliches).

5. März 2008

Ich warte auf den Anruf vom Kollegen. Der klären will, ob der mittwochnachmittägliche Instrumentalunterricht an der Gesamtschule trotz Streik der ÖPNV - Fahrer stattfindet und wenn ja, wie wir insgesamt drei nicht motorisierten Lehrkräfte dennoch in den entlegenen Stadtteil gelangen können. Es besteht ein Plan, evtl. mit insgesamt drei verschiedenen S - Bahnen über wahlweise Gelsenkirchen oder Oberhausen zum der Schule nächstgelegenen Bahnhof vorzudringen und dort von einem Autofahrer aufgepickt zu werden. Eine insgesamt ca. 1 1/2 stündige Aktion. Pro Fahrt, versteht sich.

Was, wenn jetzt noch alle Autos ausfielen. Wenn beispielsweise die ja vielleicht demnächst zu erwartende Explosion von Eta Carinae oder ähnliches eine Störung aller Zündungsvorrichtungen zur Folge hätte. Mobilität wird erst dann hinterfragt, wenn sie in Frage steht. So gesehen ist so ein Streik etwas durchaus Gutes auch für die Allgemeinheit, nicht nur für diejenigen, die mehr Geld wollen.

Energieverschwendung ist uns in unserer westlichen Dekadenz so in Fleisch und Blut übergegangen, so sehr zur Selbstverständlichkeit, zum common sense geworden, dass es sehr schwer ist, Verhaltensänderungen grösseren Ausmasses, und solche bräuchte es ja in unserer bedrohten Weltsituation, überhaupt nur in Betracht zu ziehen. Darüber, den Individual - PKW abzuschaffen, denkt nicht mal der engagierteste Grüne nach. Eine drastische Maut für jeden, der allein mit seinem PKW unterwegs ist. Ein flächendeckender Ausbau von ÖPNV und Mitfahrzentralen. Förderung lokaler Fahrgemeinschaften und Carsharing - Systeme. Und, und, und. Es gäbe vieles, was sich politisch machen liesse. Wie viele Arbeitsplätze könnten beispielsweise dadurch geschaffen werden, dass man seine Lebensmittel online oder telefonisch bestellt und dann ausgeliefert bekommt. Und angenehmer wäre es für den Kunden überdies. Der Lieferant fährt allerdings nicht jeden Haushalt einzeln an, sondern es gibt ein engmaschiges und flächendeckendes Netz von Auslieferstellen, die jeder leicht zu Fuss erreichen kann. Diejenigen, die zu alt, krank der schwach sind, selbst ihre Ware abzuholen, werden von den lieben Nachbarn mitversorgt. Oder von jemandem vor Ort, der sich so auch ein paar Münzen dazuverdienen kann. Damit die online gekauften Kleidungsstücke wie angegossen passen, stellt man sich lediglich einmal vor den Bodyscanner. Der Güterverkehr findet auf Schiene und Binnengewässern statt. Endtransporte gerne auch noch mit LKW. Für PKWs gibt es Sondergenehmigungen. Bei Not- und Härtefällen. Oder wenn es anderweitig unzumutbar ist, auf andere Lösungen zurückzugreifen. Diese anderen Lösungen sind allerdings so preisgünstig, kundenfreundlich und attraktiv, dass individuelle PKW - Fahrten zusehends uninteressant erscheinen. Auf den Strassen ansonsten nur noch Polizei, Feuerwehr, Müll- und Krankenwagen, Lieferwagen, u.ä. Und Fahrgemeinschaften. Also das Sinnvolle und Notwendige. Alles mit umweltfreundlichen Fahrzeugen. Der Rest über Fahrrad, Bus und Bahn. Oder eben auch schon mal zu Fuss. Wie? Du nennst mich Träumer, Spinner gar? Wie recht Du hast. Ich träume in der Tat bloss so vor mich hin. Dass Vernunft nicht des Menschen vordergründigste Eigenschaft ist, weiss ich selbst. Schade nur, wenns mit der so heissgeliebten Unvernunft unserem Planeten ans Eingemachte geht. Wenn nicht jeder Einzelne umdenkt und im Kleinen das Seine beiträgt, haben wir wohl keine Chance. Egal?

Eben rief übrigens der Kollege nochmal an. Es hat sich eine Lösung gefunden. Wie? Durch eine Fahrgemeinschaft…

Wer redet…

4. März 2008

Ältere Damen in Mülheimer Bussen sorgen manchmal für eine gewisse Erheiterung meinerseits. Z.B. die eine heute, zur Verabschiedung einer “Kollegin”:

“Geben Sie nicht so viel Geld aus.”

und eine andere Dame, neulich, um 10 Uhr vormittags(!):

“Machen Sie nicht mehr so viel heute”.

Überhaupt wird in Mülheim viel mehr auf der Strasse kommuniziert als in Essen, speziell unter Fremden.

Das gefällt mir gut.

Denn sie wissen nicht, was sie tun.

1. März 2008

Eben, also so gegen fünf Uhr morgens, wachte ich auf, weil der vom Orkan Emma gegen mein Schlafzimmerfenster gepresste, mit Hagelkörnern durchsetzte Regen einen fast ohrenbetäubenden Lärm verursachte. Nachdem ich in einer kurzen Sturmpause die Fenster geöffnet und die davor befindlichen Läden geschlossen hatte, aus Sorge, sie könnten sonst zerschmettert oder eingedrückt werden, bin ich noch zum Computer rüber, ins Internet. Dort las ich dann: Erste “Emma”- Ausläufer schwächer als erwartet.

An einer Bushaltestelle habe ich kürzlich mal wieder bewusst darauf geachtet, in wie vielen vorbeifahrenden Autos jeweils nur eine Person sitzt.

22. September 2007

Neulich, so gegen 20:00, im Bus:

Durchsage: Nächste Haltestelle - Schwimmbad.
Kleines siebenjähriges Mädchen: Mami, warum heisst die Haltestelle ‘Schwimmbad’?
Mami: Weil hier ein Schwimmbad ist.
K.s.M.: Wieso ein Schwimmbad?
Mami: Weil hier schon immer ein Schwimmbad ist.
K.s.M.: Aber es ist doch schon dunkel.
Mami: Aber das Schwimmbad hört doch nachts nicht auf, ein Schwimmbad zu sein.
K.s.M.: Ja, aber…

Bei diesem Stand der Diskussion musste ich leider aussteigen…

Welt sein.

30. Juli 2007

Wenn es das Träumen nicht gäbe, wo wär ich dann? Im Traum ist man frei. Nicht, dass man etwa träumen kann, was man will. Aber man träumt genau das, was man gerade träumen soll und nichts anderes. Das ist ja im Wachsein das schier unerreichbare Ziel. Stets so zu sein, wie man sein soll. Dass heisst, so zu sein, wie man ist. Sich nicht zu verstellen und zu verzetteln und zu verbiegen. Man sagt, der Schlaf sei der kleine Bruder des Todes. Ist dann der Traum die Trialversion des Jenseits? Im Traum bin ich schon so vielem und so vielen begegnet. Habe so viel unfassbar reiche und schöne Musik gehört. So viele Erkenntnisse gewonnen (und natürlich sofort wieder vergessen). Die Grenzen, von denen wir im ‘wahren Leben’ umstellt und umzingelt sind, existieren nicht im Traum. Ich darf lieben und fliegen und Nektar saufen und kommunizieren, was das Zeug hält. Gleichzeitig an verschiedenen Orten sein. Welt sein. Selbst sein. Die Vorstellung, nach dem Tode die Vollversion freigeschaltet zu bekommen, macht mich neugierig. Auch wenn ich noch gut und gerne warten kann, bis es irgendwann so weit ist.

Heckenbraunelle

17. Juli 2007

Warum gibt es keinen Roman über einen Grashalm. Ein Kastanienblatt. Eine Heckenbraunelle. Offenbart doch jeder unverstellte Blick ins scheinbar Unscheinbare das Mysterium der unendlichen Gestalt. Könnten mehr Menschen das Ballett des lebendig Wesenhaften, dass uns allenthalben umgibt und umtanzt, erkennen, geschweige denn mittanzen, wäre unsere Gattung nicht solch ein gemiedener Aussenseiter auf diesem Planeten. Jeder Windhauch, jedes Zittern eines Mückenflügels haben Sinn und Verstand. Was man von all den grossen und kleinen Menschenplänen nur äusserst selten sagen mag. Höre und Du wirst hören. Schau und Du wirst sehen. Schweige und es wird zu Dir sprechen. Alles kommuniziert. Nur der Mensch langweilt sich. Weil er nicht versteht.

Treppendynamik, Staccato und Rubato

16. Juli 2007

Die ‘Treppendynamik’ des Wetters schlägt aufs Gemüt. Immerhin bin ich heute morgen, wars doch endlich mal und urplötzlich und nach Wochen der nassen Kälte eine laue Sommernacht vom Allerfeinsten, um 3:49 mit dem ersten Bus raus in die Felder gefahren, auf meine ‘Zweitbank’, die, die so malerisch zwischen der Heuwiese und dem Roggenfeld unter der jungen Kastanie steht und habe dort Tee getrunken und den erwachenden Vögeln und Insekten zugehört und ein Reh und zwei Hasen und ein Wiesel und einen Waldkauz und ein paar Mäuschen und dann, als es heller wurde, viele Schwalben und Tauben und Bienen und Fliegen und Falter und einen Bussard und zwei Falken gesehen und noch so manches im Gebüsch rascheln gehört und dann ein bisschen geschlafen bis neun, weil ab dann mein Monatsticket wieder gilt. Dann bin ich wieder nach Hause gefahren. Das war schön.

Wo ich schon beim Anwenden musikalischer Fachbegriffe auf aussermusikalische Themen bin, so fällt mir in diesem Zusammenhang Köhlers ‘Staccato’ in Bezug auf Schäubles nicht enden wollenden und immer unsäglicher werdenden Vorschläge zur Terrorbekämpfung ein. Das trifft es irgendwie auch ganz gut. ‘Crescendo’ wäre vielleicht auch nicht ganz unpassend gewesen. Es ist klar (und vielleicht wohl sogar verständlich), dass dem kleinen verhinderten Napoleon seine eigene Attentatserfahrung in den Knochen steckt und ihn massgeblich zu seiner harten Haltung veranlasst. Ich hoffe inständig, dass er immer mehr und von allen Seiten Kontra kriegt. Würden alle seine Pläne in die Tat umgesetzt, wollte ich in diesem Land bald nicht mehr leben.

Ansonsten fühlt sich dieser Abend, dies Schreiben eher angenehm ‘rubato’ an. Alle Türen und Fenster sind auf und der aufkommende Wind bringt willkommene Frische nach der gespenstischen Feuchthitze des Tages. Wird es morgen, übermorgen wieder plötzlich zwanzig Grad kälter sein?

Keith Jarrett Trio in Essen nekrophil

16. Juli 2007

Tja, was soll ich sagen. Drei in Ehren ergraute Eminenzen lassen sich herab, auch mal in Essen aufzutreten. Da reicht aber ja scheinbar allemal Dienst nach Vorschrift. Des frenetischen Applauses kann man sich ja trotzdem sicher sein. Müde folgt Standard auf Standard. Am schönsten noch die Balladen. Die Solokadenzen. Leider viel zu wenig davon. Immer, wenn sich das ‘Bühnenpersonal’ sichtlich aufs (viel zu frühe) Set - Ende freut, blitzt es ein wenig auf. Plötzlich dann doch mal ein Hauch von Klang. Bei ‘Somewhere’ von Gershwin vor der Pause. Und bei ‘When I Fall In Love’, der ersten von zwei Zugaben. Dass der Saal danach noch zehn Minuten pflichtschuldigst stehend ovationiert (was mich irgendwie, ich kann mir nicht helfen, an das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern erinnert), kriegen die Herren wohl schon gar nicht mehr mit. Schliesslich ist das Sheraton direkt nebenan…

Ein mittelständisches Unternehmen wie das Keith Jarrett - Trio sollte sich einem Firmenethos verpflichtet fühlen, der es strikt ablehnt, den Warenwert bei gleichbleibenden oder steigenden Preisen stillschweigend zu vermindern, nur, weil man weiss, dass die Marke ein Selbstläufer ist und auch weiterhin gehen wird wie warme Semmeln. Derart ökonomisch mit der eigenen Leistungsbereitschaft umzugehen, dass man nämlich sagt, ach, dies ist ja nur Provinz, darüber hinaus ein Montag, den die Agentur lediglich mit einem ‘Fülltermin’ ausgestattet hat, hier brauchen wir uns nicht anzustrengen sondern liefern einfach mal nur eben schnell das Nötigste ab, finde ich zutiefst ablehnenswert und verwerflich.

Der Aggregatzustand der Meisterschaft verweigert sich ja überdies jeglichem Vergangenheitsbegriff. Hic Rhodos, hic salta! Ruht man sich auf irgendwelchen Lorbeeren aus, verplempert man lediglich Zeit und Energie. Dem willig zu applaudieren hiesse Leichen fleddern.

Ich gestehe freimütig, dem niederen Impuls gefolgt zu sein, das in der Anmoderation des Impresarios ausdrücklich über den Konzertabend verhängte Hustverbot gegen Ende einmal demonstrativ und willentlich missachtet zu haben. Das war schlimm von mir und sicherlich unverzeihlich. Hat aber, wie ich dem verhohlenen und subversiven Kichern aus der unmittelbaren Umgebung entnahm, nicht nur mir einigermassen Spass gemacht.

Jetzt woanders…

31. Januar 2007

Ich schreibe wieder, und zwar unter:

http://jetzt.sueddeutsche.de/jetztpage/jazzbrocki

Slomo

11. September 2006

Ich bin davon überzeugt,
dass wir heutzutage
viel zu wenig langsam sind…

(Robert Walser)

Wie schwer ist es, im Moment zu sein! Plötzlich ist es seit ein paar Tagen ja wieder fast hochsommerlich geworden. Heute abend auf dem Heimweg vom Unterrichten war mir danach, auf der im Grunde schönen, baumbestandenen, infrastrukturbedingt jedoch hauptsächlich, zu dieser Abendstunde aber nur spärlich von Autos genutzten Hauptstrasse, uralte American Folksongs auf dem Kopfhörer, im Schneckentempo nach Hause zu gehen. „Je langsamer Du gehst, desto schneller kommst Du an.“ Seit ein paar Jahren bin ich Nutzniesser dieser Erkenntnis. Neulich beim Stöbern bei ebay stiess ich auf den Buchtitel: „Bist Du eilig, gehe langsam.“ Und von einer Andenexpedition in alten Zeiten ist die Geschichte überliefert, dass sich Indianer, die lange geritten waren, plötzlich ein paar Stunden stur hinhockten, nicht zum Weiterziehen zu bewegen waren, nein, sie müssten unbedingt erst auf ihre Seelen warten, die nicht so schnell hinterherkämen. Gibt man dem womöglich aus Müdigkeit geborenen Bedürfnis, sich zu beeilen, nicht nach sondern tut das Gegenteil, wird man feststellen, wie man nach und nach wieder im Moment Platz nehmen kann und langsam taucht man ein in Erinnerungen, Visionen oder andere Gedankengänge. Oder man sieht plötzlich die Schönheit eines Blattes, das Tiefe in einem Lichtsreif oder Grashalm. Ehe man sich’s versieht, ist man zu Hause angekommen. Somit ist subjektiv, also de facto (!) viel weniger Zeit vergangen, als hätte man sich beeilt… Wenn man Zeit hat, kann man ruhig hasten. Allein: Hast Du’s eilig, gehe langsam!

Keine Pointe mehr

28. August 2006

In der Jubiläumssendung anlässlich des achtjährigen Bestehens der David - Letterman – Show im Jahre 1990 wurde ein Sketch gebracht, der aus heutiger Sicht ganz anders ‘rüberkommt’ als damals. Die Sendung wurde unterbrochen, eine Sondermeldung wurde angekündigt, der Kopf eines sicherlich zu der Zeit dem breiten amerikanischen Publikum bestens bekannten leitenden Mannes des Fernsehsenders erschien, um dann in epischer Breite zu verkünden, dass während der letzten Stunde nichts aussergewöhnliches sich ereignet habe, alles demnach beim alten sei und in bester Ordnung, man habe sich beim Pentagon und anderen höchsten Stellen erkundigt und allseits die Beruhigung erhalten, dass man sich dahingehend keine Sorgen machen müsse.

Wie sehr haben sich seit damals die Zustände geändert!
Was damals eine gute Pointe war, regt heute nur noch zu Nachdenken und Sorge an.

Monteverdi vs. Tom Waits

28. August 2006

Dunkle trübherbstlich feuchte Tage, das Laub noch grün aber schon Eicheln am Boden. Das ist die Zeit, in der ich die Teelichter wieder raushole oder den Whisky, Monteverdi höre oder Tom Waits, aufräume oder völlig versacke. Lange Gänge mache. Am liebsten bliebe man ja nur im Bett. Gut, dass das nicht geht! Dabei ist es so schön draussen. Immer! In der Natur meine ich. Wäre es nur drinnen genauso schön… Na ja, immer wieder mal ist es dies ja. Wie Meerblick. Wie Erinnerung an sich selbst.

ähnlich?

23. August 2006

“Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch davon nichts.“ War es Strawinsky, der dies einmal gesagt hat? Ich glaube, ja. Jedenfalls kann ich der Versuchung nicht widerstehen, diesen Satz dahingehend erweitern zu wollen, dass, wer nur das versteht, was er versteht, im Grunde nichts kapiert hat. Geht es doch im Gegenteil darum, genau das zu verstehen, was man nicht versteht. Oder dies wenigstens zu versuchen. Wie sollte sonst Wachstum möglich sein? Warum nur beackert der gemeine Bauer immer und immer wieder das gleiche Feld, solange, bis es verdorrt und nichts mehr hergibt - oder er im überdüngten Morast versinkt? „Was ist schon ein Halbton unter Freunden…“ sagt augenzwinkernd der Jazzmusiker und meint damit das Phänomen, dass, hat man sich beim Improvisieren mal auf einem ‘falschen’ Ton verrannt, die ‘Rettung’ meist nur einen Halbton entfernt ist. Ist es mit Wahrheit und Erkenntnis ähnlich?

Selbstverständlich

6. August 2006

Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass ich (als deutscher Pazifist) einmal Partei gegen Israel ergreifen könnnte. Jetzt aber ertappe ich mich dabei, mir zu wünschen, dass Israel mal richtig was auf die Nase kriegt. Diese schreckliche Vermessenheit muss doch mal ein Ende haben!

“Auge um Auge, Zahn um Zahn.”
Einer der verheerendsten Irrtümer aller Zeiten!

Und schliesslich: Wer hat wem das Land geraubt? (!)

Selbstverständlich darf der Iran Atomkraft friedlich nutzen! Dies sage ich im Übrigen als Atomkraft- und Ahmadinedschadgegner…

Endlich versucht mal einer, Amerika aufzurütteln, umwelttechnisch gesehen. Danke, Al Gore!

So langsam wird’s Zeit…

6. August 2006

Lyrik dient dazu, Ungereimtheiten entgegenzugewichten. Der Preis der Eintrittskarten steigt mit der Sehnsucht nach Glaubwürdigkeit. Auch Bäume sind Tankstellen. Hässliches ist meist, näher besehen, selten schön.

„How many roses are sprinkled with dew? How deep is the ocean? How high is the sky?“

ein komplett anderer

3. Mai 2006

Carla Bley hat uns Essenern heute in der Philharmonie ein bisschen was von ihrer Welt gezeigt. „Escalator Over The Hill“, eine Komposition aus den Siebzigern, wurde mit Hilfe ausgewählter Mitstreiter und einer handverlesenen Schar von Folkwang – Studenten und – Absolventen dargeboten. Der professionelle Rezensent müsste jetzt en detail auf Besetzungsfragen und dergleichen eingehen, Dinge, die ich mir hier ja getrost sparen kann. Ich kann vielmehr direkt in medias res, nämlich zu der Frage vorpreschen, wie es Frau Bley geschafft hat, diesen zusammengewürfelten Haufen in sicherlich nicht allzulanger Zeit probenmässig dahin zu bringen, dass er nicht nur das mit allerhand Ralentandi und anderem Filigran gespickte sehr komplexe Opus nahezu perfekt, sondern auch zu allem noch entspannt und gelöst und mit durchaus guter Laune dargeboten hat. Der Aspekt, der mir in der Musik am wichtigsten erscheint, die Energetik nämlich, liess ebenfalls nichts zu wünschen übrig, die ‘Ouverture’, ausschliesslich von Folkwang – Studenten intoniert, vielleicht einmal ausgenommen. Wie erleichtert war ich, als nach diesem ersten Stück die wirklichen Helden die Bühne betraten und die ersten Nicht – nur – Töne – sondern – glücklicherweise - auch - Energieträger das Ohr erreichten. In jeder Sektion, also jeweils bei Trompeten, Posaunen, Saxophonen und der Rhythmusgruppe war äusserst geschickt ein ausgeprägter Solist plaziert, der für Würze sorgte. Den Rest konnte das Studentenvolk gut erledigen. Gestandene Künstlerpersönlichkeiten wie beispielsweise Axel Knappmeyer wären meiner Ansicht nach sicherlich auch durchaus in der Lage gewesen, in der ersten Reihe zu wirken. Die Komposition selbst war dazu angetan, den Hörer, auch wenn er bis dato noch nie so richtig ihren Weltruhm begriffen haben sollte, von oben bis unten anzufüllen mit Vertrauen in die Meisterschaft von Frau Carla Bley. Fantastische Ideen perfekt orchestriert! Eine wirkliche Sternstunde. Wie schön, dass dies auch vom Publikum erkannt wurde, das die Komponistin und das Ensemble mit frenetischen stehenden Ovationen feierte und somit zumindestens an diesem Abend den Anschein erweckte, es wüsste, was sich gehört. Wie schön auch, das Steve Swallow, der alte Magier, ebenfalls mit von der Partie war ! Er hat scheinbar nicht viel gemacht. Allein, der Abend wäre ein komplett anderer geworden ohne ihn !

29. April 2006

wie lang hab ich mich nach grün gesehnt
jetzt wo du bald laub trägst
wünschte ich du würdest kahl bleiben
schöner baum

Im Ichgebiet.

26. April 2006

Für Freiberufler wie mich gibt es oft terminlose Tage, die eigenständig mit Sinn gefüllt werden müssen. Es gibt dann Morgende, da ist es schon anstrengend, einfach nur dazusitzen und zu frühstücken. Man war kopfüber aus einer Nacht voller geträumter Abenteuer in eine mit Vorsätzen gespickte Fallgrube als Pflicht getarnter potentieller Verzettelung gestürzt und eh man sichs versieht, ist man wieder im Bett und schläft bis abends. Bleibt man allerdings auf, so kommt der erlösende Moment, wo man alles beiseite legt ausser vielleicht einer Tasse Tee und was zu rauchen und einfach nur dasitzt und lauscht. Der innere Lärm legt sich nach und nach, erlösend fällt das Spannungsniveau, man fühlt von Weitem die Seele, die sich langsam nähert und bestrebt ist, anzukommen und wieder Deckung zu finden. Man reckt und streckt sich, erinnert sich an die Freude, zu atmen, fühlt den Stress abwandern in Beine und Füsse, macht Boden wett im Ichgebiet. Nach einer Weile kann man sich dann wieder kleine Ziele setzen, hier eine Ecke aufgeräumt, hier ein Fenster geputzt, hier ein paar Vokabeln gelernt, hier ein bisschen Klavier geübt. Wenn man Pech hat, blähen sich die kleinen Brötchen wieder schleichend und unversehens auf zu erdrückendem, lähmendem Teig. Dann wieder innehalten und auf sich warten. Beten. In den Wald gehen. Schreiben.

Bunte Fische, weite Meere.

25. April 2006

Lange habe ich jetzt schon nichts mehr geschrieben. Mal hatte ich anderes zu tun, mal waren die Themen zu sperrig, als dass ich mich herangetraut hätte. Dieses immer näher rückende Vogelgrippe – Ahmadinedschad – Welthunger – Umweltapokalypsengebräu hat mich auch, ich muss es gestehen, eine Zeit lang in achselzuckende Innerlichkeit vertrieben. Ich war genauso apathisch wie alle, wollte nichts mehr hören und wissen von den Missentwicklungen dieser Welt, geschweige denn über sie nachdenken. Angesichts ihrer erdrückenden Präsenz über Persönliches zu schreiben oder ganz allgemein zu philosophieren erschien mir auch irgendwie obszön und so habe ich lieber geschwiegen. Aber: „Wer redet, ist nicht tot“ sagt Benn in einem seiner Gedichte und er hat recht. In den zehn Tagen, die ich über Ostern jetzt wieder bei meiner alten Mutter war, ist mir nochmal klarer geworden, wie wichtig es mir erscheint, sich immer wieder aufs Neue nur auf den Moment zu konzentrieren. „Lebe jetzt!“ Alles andere ist Schattenboxen und Nebelscharade. Nur das Hier und Jetzt ist real. Die Wahrheit liegt zwischen zwei Lidschlägen verborgen. Nimm Dich mit, wo immer Du auch hingehst. Richte Dich ein im Atemzug. Werde heimisch im Rauschen Deines Pulses. So wird nichts vergeudet, alles ist kostbar und heilig. Kein Begebnis ist zu klein, zu unscheinbar, um nicht doch einen kleinen Schatz zu bergen. Hässlich ist nur, was man nicht sieht. Nichts geht verloren. Jeder wahrhaft gelebte Moment hat Bestand und Melodie im grossen Orchester, geht ein in die Annalen des Geistigen und trägt bei zur Reinigung des feingewebten Stoffes, aus dem alle unsere Gedanken und Träume sind… Aber ich gerate wieder ins Schwärmen. Allein, warum nicht. Besser ein bisschen zu enthusiastisch, als im Alltagsmorast versinken. Alles, was uns herunterzieht und zynisch oder verbittert werden lässt, ist bei Lichte betrachtet menschengemacht und klein - klein. Alles bis auf eins: Der Tod. Angesichts dieser unüberwindlichen schwarzen Wand voller Freude dem Leben zu dienen ist die grosse Aufgabe. Das Haupt demütig geneigt vor dem Mysterium der Vergänglichkeit darf ich über mich hinausblicken, Grosses, Helles erahnen. Das Leben ist so viel mehr, als ich selbst mit meinen kleinen Wünschen und Bedürfnissen wahrhaben will und kann. Ent – Täuschung ist Belohnung, keine Last. Tauche durch Dich hindurch und Du wirst bunte Fische sehen und weite Meere. Jeder weiss das. Aber er vergisst es wieder, jeden Morgen, wenn er aufwacht. Deshalb arbeite ich so gerne nachts. Dann rauschen um mich die Träume der Leute und ist Friede.

Zeitbomben.

26. Februar 2006

Wunderschön die Meldung, dass Falken und andere zahm gehaltene Greifvögel rechtlich nicht unter das wegen der Vogelgrippe verhängte allgemeine Flugverbot fallen. Es wird statt dessen (und dies noch nicht einmal von offizieller Seite, sondern nur von der einschlägigen Vereinsleitung) an die Vernunft appelliert und empfohlen, die Tiere nicht fliegen zu lassen. Während in Zoos mehrheitlich die Wildvögel beherbergenden Käfige und Volieren mit Folie abgedeckt werden, sind die deutschen Falkoniere, man höre und staune, sogar per Gesetz verpflichtet, die Tiere der Witterung auszusetzen - die Käfige dürfen nur zu einem Drittel überdacht sein. Bleibt nur noch zu erwähnen, dass es in Deutschland rund 15000 Falkner gibt. Wenn jeder im Durchschnitt nur drei Vögel hat, sind das 45000 Zeitbomben.

Mein lieber Schwan.

16. Februar 2006
Mein lieber Schwan

fern.

11. Februar 2006

Ich sollte mich im Nachhinein wohl bei der älteren reichen Bredeneyer Dame im Pelzmantel entschuldigen, die es so putzig fand, wie ich vorm ALDI meine Körbe vorne und hinten am Fahrrad mit den dort gerade zuvor erstandenen Waren bepackte – besonders die Blumen im Seitenfach meines Rucksackes hatten es ihr angetan und sie wollte deshalb partout mit mir ins Gespräch kommen. Es gibt mittlerweile Dinge, die mich nicht mehr erreichen. So liess ich denn die aufdringliche Person (die Reichen pennen doch auch nicht im Obdachlosenasyl, warum müssen sie also unbedingt bei ALDI einkaufen?) wort- und blicklos stehen und zog meiner Wege. Die Luft war schön heute. Der Frühling ist nicht mehr fern.

Hasen und Hunde.

1. Februar 2006

Diesen interessanten Artikel heute im Usenet gefunden…

Autor: Erich Pfennig
Betreff: Reform des Währungssystems
Datum: 23.12. 19:32

Seit 1998 forderten europäische Politiker eine Kontrolle der Finanzmärkte - allen voran übrigens Oscar Lafontaine, der als deutscher Finanzminister gern Dompteur der Finanzmärkte werden wollte. Auch er schlug eine Erneuerung des zusammengebrochenen Bretton Woods Systems vor, allerdings nicht unter der Leitwährung des Dollar, sondern in einer festen Wertrelation von Dollar, Yen und Euro. Die Einführung des Euro 2002 konkretisierte alle diese Tendenzen; sie relativierte den Dollar als Welt-Reservewährung.
Vorreiter für die Entthronung des Dollars war Saddam Hussein. Er wagte es im November 2000 als Erster laut darüber nachzudenken, den Ölhandel von Dollar auf Euro umzustellen; 2002 riskierte er diesen Schritt. Im Ergebnis wurde der IRAK mit Krieg überzogen. Die USA fürchteten einen Domino-Effekt in der arabischen Welt. Nach der Invasion wurde die Umstellung auf Euro rückgängig gemacht.

Bei einem OPEC-Gipfel im Jahr 2000 schlug Venezuales Präsident Hugo Chavez vor, den Ölhandel der OPEC-Länder mit den Entwicklungsländern im Barter - Verfahren durchzuführen, also Öl gegen Ware zu handeln, um auf diese Weise sowohl Dollar als auch den Euro bei den Geschäften zu meiden.

Ende 2002 ging Nordkorea zum Euro als Devisenrücklage über.

Seit 2003 forderte auch der Iran offiziell Euro-Abrechnungen für Öl, sogar für solches, das vorher zu Dollarpreisen gehandelt worden ist. Schon vorher hatte der Iran seine Währungsreserven auf Euro umgestellt. Die Gründung einer eigenen Börse für den Ölhandel im Iran steht bevor. Dazu ist anzumerken, dass das iranische ÖL 10% der Weltölreserven ausmacht - ein neuer Kriegsgrund für die USA.

Im April 2004 debattierten die Parlamente von Iran und Russland über eine mögliche Übernahme des Euro für Ölverkäufe. Die meisten Länder der OPEC signalisieren seitdem mehr oder weniger offen ein Interesse am Euro als Ölwährung. Saudi-Arabien ist dagegen.

Im Oktober 2004 wurde die Umstellung vom Petro-Dollar auf den Euro im Norwegischen Parlament diskutiert.

Im März 2005 verursachte die Südkoreanische Zentralbank einen Kursverslust des Dollar um 1,5 Prozent innerhalb von zwei Tagen. Grund: Sie hatte angekündigt ihre Diversifizierung auf Euro umstellen zu wollen.

Am 2.August 2005 erschien im FAZ-Net die Meldung, dass nach Russland nunmehr auch die arabischen Staaten ihre Währungsreserven diversifizieren wollen.

Dies alles bedeutet, dass die Auseinandersetzung um die Ablösung des
Dollars als Leit- und Öl-Währung sich zuspitzen. Die USA-Dominanz wird zunehmend bedroht. Wenn jetzt auch Rußland in diese Bewegung mit einsteigt, dann ist das für die USA Alarmstufe ROT; nur Saudi-Arabien verhindert bisher die Ablösung des Dollars im OPEC-Geschäft.

Nach der Beendigung des Kriegs um den unmittelbaren Zugriff auf russische Ressourcen, heißt das, zeichnet sich nunmehr eine neue russisch-amerikanische Konfrontation ab, dieses mal auf dem Gebiet des internationalen Finanz- und Währungsparketts.

Im kommenden Jahr wird es viel Ärger um das Weltwährungssystem geben. Ich denke, Amerika kann diese Auseinandersetzung nicht gewinnen. Amerikas Wohlstand ist in Gefahr. Viele Hunde sind des Hasen Tod.

Genpool.

31. Januar 2006

Diesen Winter fahre ich erstmals selber Fahrrad. Vorher habe ich immer die unentwegten Herr- und Frauschaften, die dies tun, von Ferne bewundert und mir absolut nicht vorstellen können, selber einmal dazu zu gehören. Und dies auch noch mit Spass! Den letzten Winter hatte ich zu boykottieren versucht. Ich bin so gut wie gar nicht rausgegangen und habe drei Monate nur nachts gelebt… Ich kann nur sagen: Mein Lebensgefühl stank danach wie eingeschlafene Socke. Diesen Winter bin ich froh, es anders zu machen. Allein schon dieses Glühen auf Wangen und Ohren, wenn man dann wieder ins Warme kommt – göttlich!

Mit Mahler’s Fünfter bin ich seit zwanzig Jahren glücklich verheiratet. Jeder Ton dort klingt mir so, als wäre er direkt aus meinem Genpool transkribiert. Habe über die Jahre manchmal versucht, in eine der anderen Symphonien von Mahler reinzukommen, stets jedoch ohne Erfolg; über die ersten Takte kam ich nie hinaus. Es kam mir auch immer irgendwie vor wie Fremdgehen.
Heute nun erstmals die Vierte ganz gehört (Chailly, Royal Philharmonic, Concertgebouw). Überaus spannend, wie an vielen Stellen schon die Fünfte hindurchschimmert und sich quasi ankündigt. Oft würde mir reine Sanftheit die Geduld rauben, reiner Sturm das Wohlbefinden zerwehen. Mahler ist da genau der Richtige, weil er alle emotionalen Qualitäten so meisterhaft in seinen Werken verknüpft und zum Tanze führt. Schön, dass es also nun noch ein paar andere seiner Schätze für mich zu heben gibt. Dennoch: Die Fünfte wird mir wohl immer die nächste bleiben. Kunststück, ist mein Herz doch ganz in sie hineingewachsen.

31. Januar 2006
Tagore: Tiger

Aber alles neu!

30. Januar 2006

Rezension zu Charlie Haden’s ‘Dreamkeeper‘:

Die ersten Takte mit den Chorpassagen lassen mich denken: “Oh, jetzt kokettiert er mit der alten Welt. Muss das wirklich sein?” Dann diese Trompete zu Gitarre und Bass, mexikanisch? Jetzt aber plötzlich mit Kontrapunkt zwischen Bach und Chanson, der Rhythmus eher marching… …dann ein Zwölfer mit Kastagnetten, jetzt endgültig sudamericano… wo bin ich hier bloss reingeraten? Schönes jazziges Trompetensolo, ach so, na ja, mal weiterhören, Charlie Haden schliesslich ‘ne Bank, vertrauen wir ihm mal, was er hier noch so zu sagen hat. Rubato. Wieder Chor. Alles jedenfalls aufs Erlesenste gesetzt. Raffiniertes Changieren zwischen klassischer und Jazzharmonik. Panflöten-Saxophonostinato von Saxophonthema überlagert. Steigerung, Layers. Erste Gänsehaut, als sich die Groove zum Trompetensatz hin öffnet. Klagend, jedoch ganz unsentimental, nein, eher spröde, hebt sich das Saxophon über die Kollektivimprovisation. Decrescendo. Bongos. Stille. Wieder der Chor mit Band. Schöne Sekundreibungen. Ostinato von vorhin. Darüber Ethno - Flöte. Crossfade zu militärischem Trompetenthema. Bläsermarsch. Tubasolo mit Brushes. Chor. Rondoform? Wohl eher Suite, da variiert. Trompetensolo. Die Brust wird eng, so schön. Leider zu kurz. Stille. Interlude von Nylongitarre, Posaunenthema kommt dazu, jetzt Band, Bläserthema mamboartig, Gitarrenfills, Crescendo, Posaune, reifes, vertrauenerweckendes Tenorsolo links, abgelöst im rechten Kanal von anderem, nicht minder reifem Tenoristen, jetzt Beide, jetzt Trompete, jetzt Bläserchoir dazu, Unisonothema, wieder Posaune, ah, da sind die Bongos wieder, Crescendo, Thema, Fermate. Stille. Bläser – Choralsatz afrikanisch. Uptempo Saxophon in freiem 4/4 Swing. Wesenhaftes Geplapper, jetzt gemergt mit Choralbackings. Klaviercluster. Choral. Bass zusehends mehr in chromatisch angeordneten Oktaven. Steigerung. Decrescendo. Übrig bleiben Bass, Schlagzeug und der andere, ruhigere Saxophonist. Rubato jetzt. Nicht minder intensiv. Dur – Melodik. Gleitender Übergang in mittleren Swing. Immer noch Dur und bluenotefrei, jetzt Öffnung ins Atonale, wieder Dur, wieder freier. Ach, da ist ja wieder der Chor. Afrikanische Worte, aber die, die da singen sind wohl weisse Amerikaner. Warum nicht. Hommages sind erlaubt, ja erwünscht. Das Saxophon so schön weich. Schön, dass Freejazz nicht mehr aggressiv sein muss. Ist ja mittlerweile auch schon rentenberechtigt… Altersmilde also. Stück gipfelt und endet in schön reinem Choralsatz. Stille. Jetzt der Meister selbst: Bass über spanischmässigen Gitarrenklängen. Die Band kommt mit ein paar Klängen dazu. Ende des Stücks. Flottes Trompetenthema, unterlegt mit wunderbar gesetzten Bläserdoppelganzen. Trompetensolo jazzig. Thema. Solo. Jetzt Posaune. Zweite Gänsehaut. Friedliche Power! Beseelt! Jetzt der Gitarrist. Auch schön. Kein Ton zuviel oder am falschen Platz. Niemand, der sich hervortut. Alles Dienst. Schon lange bin ich versöhnt, ja, zusehends überzeugt von dieser eigenartigen Postmoderne, die mir da geboten wird. Das gute alte Bläserthema. Basskadenz. Schluss. Klavier -Gospelintro. Bläserthema mit Chor. In der Bridge diese schöne alte Dominant – Tonika - Verwechslung, die mir nun endgültig den Balg auf links dreht. Heiligmässiges Posaunensolo. Tenor, abgeklärt. Roots! Roots! Chor. Steigerung. Bridge. Ah, Herr Haden, sie haben also zum Schluss auch noch ein paar Worte für uns. Wer zuletzt soliert, soliert am Besten. Eitelkeit? Aber nein, jetzt kommt ja noch mal der Pianist, jetzt der Posaunist, jetzt das Ensemble, jetzt nochmal der Posaunist, jetzt mit fulminanter, schellenkranzbewehrter Schlusskadenz nochmal der Pianist. Jetzt die Schlussfermaten.

Stille.

Ich sitze da.
Meine Irritation vom Anfang ist nicht ganz gewichen.
Aber ich fühle mich grossartig gesättigt und begleitet und seltsam neu geöffnet von diesen Klängen, die doch eigentlich nur zusammengesetzt sind aus ganz viel vermeintlich Bekanntem.

Aber alles neu!

Wogram.

23. Januar 2006

Gestern abend beim Essener Jazzfestival endlich mal wieder Nils Wogram und seine ‘Root 70′ gehört. Wie wohlig krass der Unterschied zu den beiden vorher auftretenden Bands, die sich teils nicht richtig herausgetraut, teils allzu sorglos ins Blaue hinein improvisiert hatten. Aber auch in gehobenerem Zusammenhang stäche ‘Root 70′ immer heraus. Wogram ist für mich in seiner Mischung aus bescheidener Leichtigkeit, hohem Ernst, unaufdringlicher Eleganz und auf seinem Gebiet einzigartiger Perfektion der ‘Roger Federer der Jazzposaune’. Bei den Auftritten seines Klangkörpers stimmt alles bis ins letzte, kleinste Detail. Jedes einzelne Bandmitglied, mit Leichtigkeit allerhöchsten Ansprüchen genügend (Hayden Chisholm ist vielleicht von allen derzeit lebenden Altsaxophonisten der Beste, Jochen Rückert trommelt im obersten Jazzolymp!), füllt die dafür vorgesehenen Räume mit wunderbaren Soli, die eingerahmt und auf höchst intelligente, feinsinnige Art ummantelt und gestützt werden durch die ausladenden, in ihrer Komplexität das Mass der ansonsten weltweit üblichen Jazz - Rezeption weitest dehnenden und überschreitenden Kompositionen Nils Wograms. Da wird etwas zelebriert, was, nicht wirklich von dieser Welt, den Hörer weit über sich selbst hinausträgt in Länder, für die er sonst nie und nimmer ein Einreisevisum bekommen hätte. Man darf Zeuge sein bei einer musikalischen Andacht, die den Puls ruhiger schlagen und die Ganglien heller blitzen lässt. Räume öffnen sich und Menetekel verlöschen, wenn auch nur für kurze Zeit.

Mene mene tekel

Hockend essen?

17. Januar 2006

Ja, der Jazz… hat er noch die Verbindung zum Blues, zu Afrika, ist diese bekanntlich eine Nabelschnur des Verbrechens. Wollen die europäischen Musiker deshalb nur noch so wenig von diesen Wurzeln wissen? Oder weil sie instinktiv ahnen, dass sie auf den ursprünglichen Pfaden immer eine unglückliche, eine unbeholfene, blutleere Figur abgeben werden? Wieviel wird da unselig verkopft emittiert, sei es nun mit Bluenotes, mit Offbeats oder nicht. Ein paar Meister ragen immer heraus. Auch gibt es ein Heer von Studenten, heissen Hunden und Hündinnen, denen ich abnehme, dass ihnen ihr Studienfach wirklich am Herzen liegt. Allein es fehlt oft an der richtigen Anleitung. An welcher Jazzhochschule wird Psychologie gelehrt, Ethnosoziologie, Yoga, Bioenergetik, Meditation, Akasha - Chronik? Gebet! Welcher Dozent ermutigt seine Studenten wirklich zur Selbstvertiefung. Wer fragt nach der inneren Not, die hinter allem steckt und stecken muss, um musikalischen Ausdruck als Abwendung derselben, als Notwendigkeit im wahrsten Sinne des Wortes erforderlich und erstrebenswert zu machen? Die Urenergie, die anfangs auch dem Jazz innewohnte, findet sich nunmehr fast nur noch in ethnischer Musik, in Stammesgesängen und rituellen Klanggebilden. Und auch dort verblasst und verzuckert sie ja immer mehr, je mehr Coca Cola getrunken wird. Immerhin war ich baff und weg, als mir mein Grundig zum ersten Mal nachts um Vier Klänge eines solistischen Saiteninstrumentes aus Mali ins Wohnzimmer brachte, die fast genauso auch vom frühen John Lee Hooker hätten stammen können. Auch aus Indien erklingt der Blues, dieses herznahe Changieren von Dur und Moll. Muss man barfuss gehen, um zum Klang zu finden? Hockend essen? 98,9 % all dessen jedenfalls, was ich hierzulande, sich selber ‘Jazz’ nennend, habe über mich ergehen lassen müssen (leider gehörte ich selber oft zu den Tätern), hat mit dieser dem Magma und dem Sternenstaub verflichteten Klangauffassung auch nicht das Geringste zu tun! Wie vieles fiele eigentlich unter das Emissionsschutzgesetz. Studenten, zieht die Schuhe aus!

Dankbarkeit.

16. Januar 2006

Der Auftrag, zu schreiben (so auch jetzt), kündigt sich immer an durch einen Zustand der fruchtbaren Schwere, der wachsenden Lähmung Alltagsverrichtungen betreffend, des schamanenhaft Eingehülltseins in tranceartige bunte Nebel, irgendwann geht nichts Anderes mehr als Sitzen und Warten - wenn dann die Worte kommen, wie ein Fischschwarm, auf breiter ruhiger See sich bekannt machend durch die sie überfliegenden und auf sie herabstossenden Möven und Albatrosse, wenn sich die Wellen kräuseln, wenn sich dann die Netze füllen mit den Wesen der Tiefe, so prall, dass es manchmal schwer ist, sie heraufzuziehen ans Licht, gehe ich beglückt an die Arbeit und lasse erst wieder von ihr ab, wenn die Beute halbwegs gesichert ist. Das Putzen und Herrichten und in Form bringen und schliesslich das Zubereiten kann auch noch in den nächsten Tagen passieren, mit nicht geringerer Hingabe. Aber der Fang muss erst mal unter Dach und Fach.
Ein schöner Tag! Die Sonne scheint. Ich habe keine Termine und kann machen, was ich will. Die Wirksamkeit meiner Neujahrsvorsätze hält, mir selber unheimlich, weiterhin an. Meine Küche, in der Vergangenheit so oft Gegenstand übelster Verwahrlosung, glänzt vergleichsweise wie ein Schmuckstück. Ich fülle Papierkorb um Papierkorb, befreie mich von altem unnützen Mist. Irgendwie brauche ich immer den Selbstversuch. Erst wenn ich das Dunkel ausreichend durchtappt habe, traue ich mich ins Licht. Eine raffinierte Taktik. Die neu gewonnene Ordnung kontrastiert beispielsweise aufs glückhafteste mit dem ihr vorausgegangenen jahrelangen ‘Laisser faire’. “Denn Sein und Nichtsein erzeugen einander. Schwer und Leicht vollenden einander. Lang und Kurz gestalten einander. Hoch und Tief verkehren einander. Stimme und Ton sich vermählen einander. Vorher und Nachher folgen einander.” (Laotse: Tao Te King, 2. Strophe)
Regelmässig zu schreiben, geht das unter den oben beschriebenen Umständen? Muss man nicht immer diese heiligen Momente abwarten, um dann in schnellem Coup die Lager zu füllen? Soll man sich tapfer auch dann hinsetzen, wenn kein Schwarm in Sicht ist und das Meer spiegelglatt? Wer weiss, vielleicht wird solch masochistischer Fleiss ja belohnt? Werde es sicherlich irgendwann auch noch ausprobieren. Wie so vieles Andere. Probieren geht zwar nicht über Studieren. Aber es ist Letzterem immer ebenbürtig. Auch der Student ist vor dem Risiko, dauerhaft ins Leere zu greifen, nicht gefeit. So, wie reine Empirie dem Grobstofflichen nie vollständig entwachsen können wird, ist die reine Lehre dringend auf Kontakt zur realen erdigen Welt angewiesen, um Frucht zu tragen.
Ich stelle mir vor, wie ich gleich rausgehen werde in den Wald, das Winterlicht auf der Haut, die Winterluft in den Lungen, den von Milliarden von schlafenden Käfern und Würmern und Mäusen und Maulwürfen bewohnten Winterboden unter den Füssen, auch sie Mitbrüder und -schwestern, auch sie ebenbürtig und mit dem gleichen Recht, dem gleichen Auftrag auf dieser Welt wie wir oft so blinden Menschenwesen. Auch hier Respekt vonnöten und reich belohnt durch ein Gefühl grosser Einheit und Verbundenheit mit dem grossen Ganzen. Dankbarkeit.

Aber ohne Lüge.

14. Januar 2006

Ich hatte viele Menschen, die mir zu fallen halfen.
Beim Aufstehen war ich ganz allein,
so dass ich staune,
dass ich nicht für immer liegen blieb.
[Theresa von Avila]

Man denkt immer, man selbst ist an allem Schuld. Aber das stimmt nicht. Vieles muss ich mir selbst zurechnen. Aber ich bin nicht ’schuld’, dass Frauen mich verlassen haben, dass Freundschaften zu Ende gingen, dass manches beruflich nicht so geklappt hat. Wenn man sich nicht anpasst, hat man es immer schwer. Und die anderen es mit einem! Ich kann in jedem einzelnen Fall nachvollziehen, warum der- oder diejenige sich von mir entfernt hat. Oft habe ich zu viel gefordert und zu wenig eingelöst. Im Training, mich nicht nur in andere hineinzuversetzen, sondern auch in mich selbst (letzeres ungleich schwerer), lässt die Analyse meist keine Fragen offen. Für mich am schwersten verständlich und aushaltbar, dass man sich ja auch oft einfach nur auseinander entwickelt. Da muss man dann gar keine grossartigen Recherchen bemühen. Von der weit verbreiteten Ansicht, der Mensch sei eine Ware und der Umtausch deshalb nicht ausgeschlossen, einmal ganz zu schweigen. Ich selbst habe mich in meinem Leben oft gehäutet, wie eine Schlange, mich innerlich und äusserlich verändert, umdefiniert. Einfach nur, um mit meiner Wahrheit Schritt zu halten. Dies ist für viele eine Bedrohung. Bleibe gefälligst so, wie ich Dich kenne und eingeordnet habe. Sonst bist Du mir unheimlich und nicht mehr vertrauenswürdig. Die meisten stellen ja auch mehr oder weniger genau formulierte Bedingungen für ihre Freundschaft. Hörst Du auf, diese bis auf’s i-Tüpfelchen zu erfüllen, erlischt der Vertrag. Dann die Gruppenzwänge, bei Beziehungsversuchen zusätzlich noch das meist sehr umfangreiche jeweilige familiäre Kleingedruckte. Einfach nur der zu sein, der man ist, gilt nicht nur als unerwünscht, es ist vielmehr in den Augen der Herdenbürger eher eine Schande, etwas, dass man tunlichst schamvoll verbirgt. Woran soll man sich denn auch orientieren, wenn die alten Schablonen nicht mehr passen. Jemand, der so etwas seinem Gegenüber abverlangt, ist dann ’schwierig’, ‘kompliziert’. Dabei müsste man ja nur die Sinne aufmachen und wahrnehmen, was ist. Eine nicht sehr weit verbreitete Sportart… Dabei bin ich sehr auf Kompromisse aus. Aber auch das schon wird des öfteren, wie ich feststellen musste, als Unverschämtheit zurückgewiesen, heisst es doch, dass man bitteschön selber in der Rechnung auch vorkommen möchte. Bleibt man ein Suchender, heisst es, man sei ‘unfertig’. Freut man sich zu sehr seines Lebens, ist man naiv. Will man das Leben in seiner Ganzheit wertschätzen, stösst man alle vor den Kopf. Schliesslich hat es sich ein jeder in seiner Nische bequem gemacht und schaut auf alles andere mehr oder weniger wohlwollend herab. Am Beispiel der Musik: Dem Klassiker ist alle U-Musik suspekt, dem progressiven Jazzer alles Einfache, dem Dixie- und Popfan alles zu Komplexe, etc. Jeder flüchtet sich in irgendeine Alltagskonfession und so etwas wie Ökumene ist dort nicht vorgesehen.

Doch meist übersteigt der Ertrag den zugegeben hohen Preis der Selbstfindung um ein Vielfaches. Das grosse schöne Leben lässt einen nie allein. Dort draussen, weit ab von den heimeligen Hütten der Gewohnheitsmenschen, ist es kalt, wenn es kalt ist und warm, wenn es warm ist. Aber ohne Lüge. Wie der Trapper muss man Unterstände bauen, sich immer wieder neu schützen gegen Wind und Wetter, jeden Tag aufs Neue für Nahrung sorgen und Beschädigtes reparieren, manchmal gegen Raubtiere kämpfen… Warum nimmt man diesen Aufwand auf sich und kriecht nicht einfach zurück in die Herde. Oft ist ab einer gewissen Stufe der Entwicklung der Weg dorthin abgeschnitten, die Frauen nehmen die Wäsche von der Leine und die Männer halten ihre Knüppel griffbereit, wenn man so als abgerissener Wanderer in den Siedlungen auftaucht und Obdach sucht. Dies tut man ja, wenn überhaupt, nur in Phasen der Schwäche. Geht es einem gut, geniesst man die klare Atemluft aus vollen Lungen und keine Mühe erscheint einem zu anstrengend für den Lohn der Freiheit.

13. Januar 2006

Millionen Menschen in Ostafrika droht der Hungertod

Genf (dpa) - Mehr als fünf Millionen Menschen am Horn von Afrika sind nach Angaben der Vereinten Nationen vom Hungertod bedroht. Die anhaltende Trockenheit in den ostafrikanischen Ländern könne zu einer humanitären Katastrophe führen, warnte das Welternährungsprogramm in Genf. Betroffen seien 2,5 Millionen Menschen in Kenia, 1,5 Millionen in Äthiopien, 1,4 Millionen in Somalia und etwa 60 000 in Djibouti. Wegen der geringen Regenfälle im Vorjahr gebe es in der Region die schlechteste Ernte seit zehn Jahren.

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Dokument erstellt am 13.01.2006 um 19:04:08 Uhr
Erscheinungsdatum 13.01.2006

vorausgegangen.

11. Januar 2006

Höre Shakti. Denke an den helltiefen Blick McLaughlins, den er mir zuwarf, der ich, ca. zwanzig Jahre mag es nun her sein, gerade vor der Hamburger ‘Fabrik’ rumlungerte, als er mit seiner Band nachmittags zum Soundcheck ankam. Von wahrhaft schönen Frauen fühlen sich alle geliebt, von wahrhaft luziden Menschen fühlen sich alle zutiefst erkannt, bis ins letzte Kämmerchen der Seele. So war mir damals in Hamburg, obwohl es nur eine halbe Sekunde gedauert hat. Fünfhundert Millisekunden pure Energie! Das neue Jahr hat mich heiss, nicht kalt erwischt. Vorsätze können vielleicht doch mehr sein als blosse Makulatur und frischer Wind bläst scheints auch noch im sechsundvierzigsten Jahr. Ich räume auf, wische Staub, durchforste, durch das Zerreisspensum tennisarmgefährdet, Altakten. Neue Internetquellen zum Musikdownload aufgetan. Häufe Schatz auf Schatz. Schon sehr lange nicht mehr so viel Jazz gehört. Brad Mehldau, Robert Glasper, “Stardust” in der Version von Dinah Washington…, auch so viel Altes, Historisches, Duke Ellington, Bix Beiderbecke, Red Garland, Keith Jarrett. Vibriere vor Ehrfurcht, ich, der so lange so überdrüssig und überkritisch war. Es stimmt, der Jazz ist zum blossen Kunsthandwerk verkommen. Aber was für Talente gibt es da! Was für neue Blicke in alte Landschaften. Am Horizont der Verlust der alten Mutter, der Verlust meiner schönen Wohnung – die Nachbarn kaufen und melden über kurz oder lang Eigenbedarf an. Hier darf ich so frei sein. Das empfinde ich jetzt erst wieder so richtig, seitdem ich weiss, dass es nicht ewig währt. Es ist immer das Bewusstsein der Endlichkeit, das einen weckt. Im Grunde sind nur Abschiede wirklich schön. Wenn man alles ihnen vorausgegangen gewesen Seiende schon jetzt nach Kräften in ihrem Lichte betrachtet. Präsenz!

8. Januar 2006

Wildschwein legt sich nach Treibjagd ins Bett

Barbing (dpa) - Auf der Flucht vor mehreren Jägern ist im bayerischen Barbing ein Wildschwein durch ein Kellerfenster in ein Einfamilienhaus eingedrungen. Erschöpft legte sich das Tier nach Polizeiangaben dort erst einmal in ein Bett. Als der Hausbesitzer das schlafende Borstenvieh weckte, begann es wild umher zu laufen und dabei die Möbel zu demolieren. Das Schwein verursachte Schaden von rund tausend Euro. Es wurde von einem herbeigerufenen Jäger erschossen.

DRUCKEN VERSENDEN

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Dokument erstellt am 08.01.2006 um 15:08:04 Uhr
Erscheinungsdatum 08.01.2006

Full Moon

5. Januar 2006

Windows Media (4,1 MB):

vollbildtauglich (10,7MB)

Kartoffelsalat

4. Januar 2006

Windows Media (9,5 MB):

Zufallsstrukturen.

31. Dezember 2005

Der Notarzt vom Frankfurter Flughafen, zwar nicht im Stande oder willens, sich über die akute medizinische Versorgung hinaus z.B. jenes Algeriers, der sich in der Abschiebezelle mit einer unentdeckt gebliebenen Rasierklinge vielfach die Bauchdecke blutig geschnitten hatte, um seiner Abschiebung wo möglich doch noch im letzten Moment zu entgehen, einer Hoffnung folgend, die sich selbstverständlich als hinfällig erwies, Gedanken über die Asylproblematik zu machen (andernfalls könne er diesen Job wohl auch nicht lange ausüben), sagte an einer anderen Stelle dieser Fernsehsendung etwas Schönes und Wahres: Angesichts all der Fälle, wo Leute einfach umklappen (und das war’s dann), würde er sich immer mehr angewöhnen, nur mehr für den Augenblick zu leben und sich nicht mehr so viel in irgendwelchen weitgreifenden Plänen verlieren. Letzteres will ich mir auch wiederum für das nächste Jahr vornehmen, was allerdings nicht heissen soll, dass die immer brennendere Migrationsproblematik und allgemein die Ungerechtigkeit und Fragilität* unseres Weltentwurfes aus dem Repertoire meiner Nachdenkereien und Sorgenmachereien und Mitfühlereien verschwinden wird.
Auf meinem Silvesterspaziergang am Baldeneysee erstmalig die kleine, ursprünglich als Kerzenlöscher gedachte, auf der Rü in einem dieser Nobelläden für Leute, die schon alles haben, für drei Euro fünfzig erstandene Zange daraufhin getestet, ob sie die ihr von mir abweichend vom eigentlichen Zweck zuerkannte Funktion erfüllt, darin bestehend, mit ihr am Wegesrand befindlichen Müll aufzulesen, ohne sich dabei die Hände schmutzig zu machen. Mit Erfolg. Einer der Vorteile des älter und schrulliger Werdens, solche Dinge einfach zu machen und sich einen Kehrricht darum zu scheren, was irgendeiner dieser auf Eigennutz getrimmten Normalos davon halten mag. Ich tue, genau wie beim Spenden, damit im Grunde mir selber etwas Gutes und bin, was das angeht, mittlerweile auf jeden Trick, jede List angewiesen. Jedenfalls war es schön und gut, trotz Taumatsche und Nieselregen rausgegangen zu sein. Auf der Rückfahrt kam mir der mittelgraue, von vielfältigsten Strukturen und Färbungen vieler Winterschuhe bedeckte Boden des Busses vor wie ein Gemälde, dass im Centre Pompidou oder sonstwo hängen könnte. Zufallsstrukturen sind immer schön. Erst, wenn der Mensch eingreift, wird’s problematisch.
Anlässlich der Extraziehung (es hat wieder nicht geklappt mit den zwanzig Millionen - man sollte sich beschweren!), die interessante Frage, ob es Blasphemie ist, die höheren Mächte bei so etwas um Hilfe zu bitten, oder eher, es nicht zu tun.

Da man das Leben feiern soll, genehmige ich mir jetzt (23:10) eine Zigarre mit dem seltsam religiös - politischen Namen ‘Churchill Petrus‘. Und wenn morgen dreimal der Hahn kräht, kann ich immerhin sagen: “Ich habe geraucht.”

Es ist zwölf. Silvester. Schade, dass die Raketen und bunt schillernden Feuerkaskaden nicht etwas höher fliegen können. Dann könnten auch die Erfrierenden in Pakistan sie sehen und hätten so im grausamen Kältetod doch noch, wenn auch keine Wärme, so doch vielleicht eine kleine Freude…

* Zum Thema Ungerechtigkeit und Fragilität hier ein Interview, das mein Lieblingsdenker Rüdiger Safranski heute morgen im Deutschlandfunk gegeben hat.

31. Dezember 2005

verblüfft.

30. Dezember 2005

Eben ein bemerkenswerter kleiner Moment mit meinem iPod. Ich schalte ihn gerne auf Zufallswiedergabe. Diesmal wurde ich mit folgender erlesenen Kombination überrascht. Zuerst spielte Glenn Gould aus den Goldberg - Variationen, dann folgte der Anfang des Sapporo - Konzertes aus den Sun Bear Concerts von Keith Jarrett. Ich habe hier einmal diesen kleinen Übergang, der mich gleichermassen verblüfft und erfreut hat, bereitgestellt.

24. Dezember 2005

Der Mann spricht wahre Worte!

derweil…

23. Dezember 2005

Weihnachten. Wie Karneval und Bundesliga eher zu meiden. Das gleiche Geschubse. Immer, wenn versucht wird, eine einzige Stimmung auf einen einzigen Zeitpunkt zu bündeln, freizügigen Frohsinn zu Karneval, Siegeswille und archaisches Stammesdenken beim Fussball und andächtige Grossherzigkeit und Familiensinn zu Weihnachten, ist Heuchelei nicht fern. Aber die Menschen brauchen wohl diese Vereinfachungen und Ablassventile. (Ablass!) Gäbe es sie nicht, würde wohl garnichts passieren. Oder zuviel. Es bedarf der Anlässe, in sich hinein oder aus sich heraus oder aufeinander zu zu gehen. Zu weit ist man im Alltag von sich und allem entfernt. In Pakistan erfrieren sie derweil. Aber das sind ja auch keine Christen. Da braucht man ja nicht zu spenden. Die sollen einem bloss mal nicht die Weihnachtsstimmung verderben, diese Bergwilden und Hungerleider. Schliesslich haben wir ja alle beim Tsunami letztes Jahr genug gespendet. Wie sich herausgestellt hat, viel zu viel. Geld, das geparkt ist und ‘arbeitet’. Nicht für andere Zwecke verwendet werden darf. Dieses Jahr sollen sie uns mal in Ruhe lassen mit diesem sozialen Quatsch. Sollen froh sein, wenn wir unsere Zurückhaltung ein wenig aufgeben und immerhin ganz ordentlich Geschenke kaufen. Da hat die Binnenwirtschaft etwas davon. Das ist real. Greifbar. So, wie es der Tsunami letztes Jahr war. In Phuket und all den anderen Touristengebieten, wo die meisten selber schon mal waren. Da wussten wir, wofür wir gespendet haben. Damit die Hotels und Würstchenbuden schnell wieder funktionieren. Für unseren nächsten Urlaub. Nach Pakistan fährt niemand in Urlaub.

20. Dezember 2005

Der Winter

Wie ist der Winter hart und rauh
und barsch und kalt, doch handkehrum
hat er gewiss auch etwas Gutes.
Die Bäume alle sind jetzt kahl
und nackt und strecken spitz’ge Äste
in graue Luft, und Mäntel, Mützen
erweisen sich nun äußerst dienlich,
und Näschen werden rot vor Kälte,
und kleiner Kinder dünne Ärmchen
und Hände werden blau, und Finger
erfrieren öfter schier, das Schnupftuch
wird häufiger gebraucht als sonst.
O, wie ist es weit und breit von Frost
erstarrt und klirrt! Ja, ja’s ist bitter
im Winter, aber hinter allem
dem blüht die Hoffnung, daß es doch nicht
so lange dauern kann, und daß es
auch einmal wieder Frühling wird
und wärmer und behaglicher
und reichlicher und schöner. Warte
du nur und füge dich und schmiege
dich, denn mit gutem Willen ist
viel auszuhalten. Herrlich ist’s ja,
sich selber zu besiegen lernen,
und eben dazu gibt der Winter
uns Anlaß; wär’ es immer weichlich
und zart und angenehm um uns,
so würden wir am Ende schläfrig
und träg’ und dächten bald an gar nichts
Höheres mehr. Vergiß nicht, daß du
beseelt, beherzt sein sollst! Von allem
Schönen ist unser Inneres
das Schönste; laß nur Wälder, Felder
kahl sein, wenn’s nur dein Herz nicht ist.

Robert Walser

20. Dezember 2005

Voraussichtlich erstmals Indio Präsident Boliviens

La Paz (dpa) - Der linksgerichtete Indio Evo Morales hat die Präsidentenwahl in Bolivien klar gewonnen. Auf den 46-jährigen Führer der Koka-Bauern entfielen nach Angaben der Wahlkommission 48,3 Prozent der Stimmen. Sein schärfster Rivale, der Mitterechts- Politiker Jorge Quiroga, kam auf 34,7 Prozent. Möglicherweise kann Morales sogar noch die 50-Prozent-Marke überspringen. Dann wäre keine Stichwahl nötig. Es wäre das erste Mal in der bolivianischen Geschichte, dass ein Indio das höchste Staatsamt übernimmt.

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Dokument erstellt am 19.12.2005 um 23:48:03 Uhr
Erscheinungsdatum 19.12.2005

Na, wer sagt’s denn!

Raumflotten

19. Dezember 2005

Wenn ich mich in der Vergangenheit verliebt habe, war in der grossen Mehrzahl der Fälle der Stimmklang der jeweiligen Frau ausschlaggebend. “Das Auge führt den Menschen in die Welt, das Ohr führt die Welt in den Menschen”, sagt mit Recht J.E. Behrendt einmal. Über Hässliches hinwegzusehen ist leichter als Krach zu überhören. Was nützt mir ein Engelsgesicht auf einer Traumfigur, wenn dann nur ein atonales Krächzen und Piepsen herauskommt. Die Schizophrenie meiner letzten Geliebten habe ich zu allererst über die Zweigeteiltheit ihrer Stimme wahrgenommen. Das honigsüsse Melodieren der ersten Stimme wechselte sich, dies manchmal ziemlich abrupt und unvorhersehbar, ab mit dem harten Keifen der zweiten, erstere zog in Bann, letztere trieb in die Flucht. Mich aus diesem Konflikt mit halbwegs heiler Haut herauskommen zu lassen, rechne ich meinem Schicksal hoch an. Von dieser Dame stammt im Übrigen der schöne Satz: “Du kannst entweder parieren oder gehen.” Das Gehen hat sie dann zum Glück selber besorgt, nur viel zu spät, allerdings auf bemerkenswert hässliche Weise. Ich dachte immer, in einer Zweierbeziehung müsse man genauso verhandeln, sich genauso um Kompromisse bemühen wie in übrigen Zusammenleben auch. Der Andere bleibt doch immerhin, bei aller Liebe, ein Kosmos für sich und so kann es doch nur darum gehen, die ‘Raumflotten’ mobiler und kommunikationsfreudiger zu machen. Umso verblüffter war ich dann, als eine damalige gute Bekannte, ihres Zeichens überaus intelligente, feinsinnige Frau, darüber hinaus ausgebildete Psychologin, der ich von diesem gnadenlos weltfremden Satz berichtete, ganz gegen meine Erwartung spontan Verständnis äusserte. Wie das gehen soll, wenn der Eine totale Unterwerfung vom Anderen fordert und dies nicht nur im Bett, wo es ja immerhin, als mir allerdings ebenfalls fremde Variante der Erotik, erfolgreich praktiziert wird, werde ich wohl nie kapieren. Zum Glück!
Aber zurück zum Thema. In meiner Stadt, so stelle ich es mir jedenfalls vor, gelte ich neben den sicherlich vielen anderen dazu beitragenden Marotten und Andersheiten wie Aufrichtigkeit, Eigentreue, Empathie auch deshalb mittlerweile als komischer Kauz, weil ich mir ein paarmal habe anmerken lassen, wie tief mich schöner Frauengesang emotional ergreifen kann. Es gibt hier zwei, drei Sängerinnen, die nicht mehr begleiten zu müssen gut für mich ist, weil ihre wunderbaren Stimmen mir jedesmal die Seele komplett durchwühlt und durchgepflügt haben und es somit sehr anstrengend war (für mich und sicherlich auch für die jeweilige Künstlerin selbst sowie deren Lebensabschnittspartner), immer weiter im Blick zu haben, dass hinter meiner daraus resultierenden tiefen Sehnsucht nichts Romantisches oder Erotisches stand, sondern einfach nur meine extreme Empfänglichkeit für akkustische Reize. Das hat immer auch im weiteren Sinne mit Liebe zu tun. Aber dieser spezielle Egoismus, der mich in der Liebe hat so selbstlos, so vielfältig werden lassen, ist ein Thema für sich und dem Mainstream, dem Berechnung und Eigennutz Netz und Halt bedeuten angesichts der für ihn bedrohlichen Grösse des Lebens, sicherlich nicht gut nachzuvollziehen. Es gibt Studien, denen zufolge gehörlose Menschen wesentlich aggressiver reagieren als Blinde. Das Augenlicht zu verlieren wäre schlimm. Aber die guten Mächte mögen um Himmels willen verhüten, dass ich ertaube. Das wäre ungleich schlimmer.

The Wailin’ Jennys

18. Dezember 2005

Im Internet per Zufall an eine Radioshow aus New York geraten, die mich begeistert hat nicht zuletzt wegen der Gesangseinlagen des kanadischen Frauentrios The Wailin’ Jennys. Wunderschön! Indem ich dies schreibe, höre ich die letzte CD ‘40 days’, die ich mir bei iTunes gezogen habe. The Wailin' Jennys - 40 DaysEin T-Shirt habe ich mir auch schon bestellt - bis es (in ca acht Wochen) da ist, wird sich die Frage, ob XL die richtige Entscheidung war oder ich doch besser XXL genommen hätte, hoffentlich auch erübrigt haben. Hier mein Gästebucheintrag (die Euphorie ist nicht zu dick aufgetragen, auch wenn ich hier binnen kurzer Zeit schon wieder sehr ins Schwärmen gerate wie zuletzt bei Katrin Mickiewicz und ihrem ‘DisWojDas - Orchester’…*):

This one comes from Germany. Surfing the Internet, I accidentally came to listen to the PHC – Show. How glad I was afterwards, that I had been smart enough to record it. I now have it on my iPod and have downloaded the ‘40 Days’ – CD just ten minutes ago. Now I write spontaneously without even taking the time to listen to it before. But I’m completely sure, that it will be a wonderful experience. Being musician myself, I never heard sung triads more elegantly and beautifully celebrated than by you. It remains very much to hope, that your tremendous talents will be given the opportunity to develop even more and to spread the inspiration and magic of your shining voices all over the world. (Which of course would mean to make some money, too!) And, please, come to Germany soon! Can’t wait to see you live on stage.

Good Luck and Take Care!
Christian

The Wailin' Jennys

* Was will man im Übrigen mit einem anfangen, der sowohl Peter Kowald gut findet als auch Loreena McKennitt. Klarer Fall von Hopfen und Malz verloren!

Gockelteasing.

17. Dezember 2005

Ein Sandkasten. Zwei Jungs zanken sich um ein Förmchen. Keiner will nachgeben. Andere Jungs stehen drumrum. Haben Verständnis. Wenn diese Beiden soviel Charakter zeigen und nicht nachgeben, würden wir dies bestimmt auch nicht tun, denken sie. Ein Mädchen erscheint. Schenkt beiden ein Förmchen. Der Streit ist geschlichtet und alles wieder gut. So geschehen gestern in Brüssel. Bei Frau Merkel also der gleiche Effekt, den zu erzielen vermehrt Frauen auch z.B. als Polizistinnen und in Politik - Talkshows reussieren: Deeskalation, Gockelteasing, Konsonanzguerilla. Hormone, Hormone. Und Erziehung. Ritterlichkeit und Imponiergehabe als einziger Ausweg aus der Stolzfalle. Sei’s drum. Wenn’s funktioniert…

Diffusion

13. Dezember 2005

Was schreibe ich heute? Schröders Vorteilsnahme derart zu kritisieren, wie es zur Zeit geschieht, halte ich für Heuchelei in grossem Ausmass und nur für ein weiteres Beispiel guten deutschen Brauchtums gepflegter miefiger Missgunst. Er macht ganz offen, was unter der Hand, da bin ich mir sicher, immer schon Usus ist und dies nicht zuletzt bei den Herren der FDP. Lasst den Mann doch clever sein und für sich sorgen. Was ist so schlimm daran? Ausserdem: Vielleicht gereicht es nochmal zum Vorteil, deutsche Kräfte im russichen Politk – Wirtschaftsgefüge zu haben, wenn sich beispielsweise die Verhältnisse verschlechtern sollten, was, so wenig zu wünschen, doch immerhin mit in die Berechnung gehört.
Nein. Die geheimen, die grishamschen deutsch – amerikanischen Hinterzimmerverflechtungen in Sachen CIA – Transporte und – Entführungen, das Verwenden durch Folter erpresster Informationen seitens deutscher Amtsstellen scheinen mir diesbezüglich wesentlich interessanter zu sein. Gut, dass man sich jetzt um Aufklärung bemüht. Darüber zu schreiben, wäre beim jetzigen Stand der Erkenntnisse noch zu früh, erwähnen darf ich aber, dass ich das Ganze mit einer Mischung aus Unglauben, sich langsam von Bestürzung in dumpfen Sarkasmus wandelnder Wachsamkeit und einem gewissen durchaus nicht wohligen Grausen zur Kenntnis nehme.

Zu meinem allmorgendlichen Update – Ritual gehört neben Presseschau und Nachrichteneinblick auch das Abgrasen der neuesten Beiträge, die der Deutschlandfunk, verdienstvoll wie eh und je, per Audio On Demand im Internet bereithält. Wie ich heute nun so einem wissenschaftlichen Interview über den Einsatz moderner Sensortechnologie in PKWs lausche, fällt mir irgendwann auf, dass der befragte Professor einen Hauch von Dialekt spricht. Dass ich nun erst nach einer kleinen Zeit der Überlegung darauf komme, dass es sächsisch ist, was der gute Mann anklingen lässt, liegt das nun an meiner fortschreitenden Gehirnerweichung, oder ist dies ein weiteres Zeichen der deutsch - deutschen Diffusion der Kulturen, der wachsenden Normalität also? Ersteres würde ich selbstverständlich schamvoll verschweigen wollen, während ich das Zutreffen der zweiten Hypothese erfreut der Erwähnung wert befände.

Dass die WTO – Konferenz in Hongkong wohl wieder scheitern wird an der fehlenden Bereitschaft des Westens, angemessene Konzessionen einzugehen, sehe ich wiederum vor dem Hintergrund der in jenem vorigen Beitrag von mir kommentierten unseligen Kolonialgeschichte. Gut immerhin, dass mittlerweile, wenn auch meist erfolglos, verhandelt wird, anstatt einfach nur die Waffen sprechen zu lassen. Die Welt will Gerechtigkeit. Die Armen wissen dies, wussten es schon immer. Wann kommt endlich das Genie, der historische Messias, der einen Ausweg weist aus der Unvereinbarkeit von sozialer Gerechtigkeit und Kapitalwirtschaft? Oder gibt es ganz einfach keinen?!

Keinen Ausweg, meine ich. An machtheischenden Besserwissern herrschte ja in Zeiten des Umbruchs noch nie Mangel. Da warte ich noch drauf…

ein Stückchen näher

11. Dezember 2005

Gestern ein schönes Konzert. Den Abschluss der drei sich den Abend teilenden Bands, allesamt übrigens von Frauen geleitet und von hoher Qualität, krönte eine Besetzung, die ihrerseits aus drei Einzelformationen zusammengesetzt war. Das ‘DisWojDas – Orchester’ um die deutsch – polnische Bratschistin, Komponistin und Sängerin Katrin Mickiewicz setzt sich zusammen aus einem Streichquartett, einer deutschen Jazz- und einer polnischen Folkloreband. Allein: Hätte man dies nicht mit Hilfe der Vorankündigungen und Ansagen gewusst, wäre man angesichts der Homogenität des Klangkörpers und der professionellen Ausgestaltung des Zusammenspiels nicht darauf gekommen. Neben anderer Qualitäten hat das aus insgesamt elf Musiker(inne)n bestehende Ensemble das grosse Glück, in ihren Reihen zwei hervorragende Komponisten/Arrangeure zu vereinen, nämlich Frau Mickiewicz selbst und Alexander Morsey, den Bassisten, der allerdings im Rahmen dieses Projektes meist die Tuba bedient. Beide sind überaus talentiert, hervorragend ausgebildet, immens fleissig und trotz junger Jahre mit einer Klarheit und Eigenart der Klangvorstellung, sowie der Fähigkeit, diese auch umzusetzen, ausgestattet, die weit und breit ihresgleichen sucht. Dabei wird die an sich schon bestechende Musik mit einer